Über Radfahrer und Gemeinderatswahlen in meiner Kolumne für den Mai

Veröffentlicht am: Mai 17, 2019

 Über Radfahrer und Gemeinderatswahlen in meiner Kolumne für den Mai

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

wie in jedem Jahr geht es mir wieder viel zu schnell mit der Wetterentwicklung. Der Frühling macht mich träge. Zu nichts habe ich richtig Lust. Mein Gehirn fühlt sich an wie eine klebrige zähe Masse, die von Hallervorden gespielt und von Schweiger dabei gefilmt wird. Wobei, genau genommen stimmt dies ja noch gar nicht, denn der richtige Frühling beginnt ja mit der Blüte des Apfelbaums und nicht mit den ersten Tagen über 20 °C. So wie der Herbst mit der Reife der Haselnuss beginnt. Das ist altes Wissen und nicht von Modetrends abhängig. Pflanzen kann man trauen! Das weiß ich spätestens nach dem Spiel „Pflanzen gegen Zombies“. 

Trotzdem ist es halt schon wieder Frühling, auch wenn die Terminologie nicht korrekt ist. Frühling ist in Freiburg dann, wenn die Schönwetterradler aus ihrem Winterschlaf erwachen. Diese erkennt man vor allem an ihrer unsicheren Fahrweise, die sich erst zum Herbst in eine souveräne wandelt. Dann bleiben noch zwei, drei Wochen sicheres Radfahren und dann wird das Fahrrad wieder eingemottet. Aus Gründen. 

In der Zwischenzeit sind die Schönwetterradler, wie in jedem Jahr erneut, erstaunt darüber, dass es auch andere Menschen auf den Straßen oder gar Verkehrsregeln, an die man sich halten könnte, gibt. 

Ich habe mir schon überlegt, dass ich in Dänemark ein Hunderterpack Fahrradführerscheine kaufe und die, großzügig wie ich bin, einfach an die größten Radverkehrstrottel verschenke. Dänemark ist für Fahrradführerscheine, dass was Osteuropa für die Autoführerscheine ist. Und gerade da scheint diese Taktik ja Wunder zu wirken und dem ein oder der anderen zu besserem Fahrverhalten zu verhelfen. 

Vor ein paar Jahren wünschte ich mir noch eine Paintballknarre oder einen Darm-Disruptor*. Ich kam mir nachts, wenn ich vor Wut nicht schlafen konnte, schon vor wie Klaus Kinski in Fitzgeraldo. Mich brachte innerlich so ziemlich alles in Rage. Vor allem aber all die vielen Mitmenschen und ihre Handlungen. Auch wollte ich, wie bei Ben Hur, eine Reifenzertümmerungsmaschine am Fahrrad anbringen, damit die vielen Schönwetterfahrradfahrer daran erinnert werden, dass es im Straßenverkehr Regeln gibt und sie nicht allein auf der Welt wandeln. Aber diese Wut ist nun im Alter in Verständnis umgeschlagen. Ich trage keinen Hass mehr in mir. Darum fühle ich mich auch so leer. Um wenigstens ansatzweise mit der Thematik in Kontakt zu bleiben kaufe ich mir ab und an eine Hass-Avocado aus Israel. 

In meiner Altersweisheit verstehe ich nun nicht nur die Schönwetterradfahrer, sondern auch die Sonntagsradfahrer. Ich verstehe, dass die vor lauter Ablenkung nicht noch zusätzlich auf andere Sachen achten können. Unmöglich. Zusätzlich kommet pünktlich zum Erstradeln auch noch die Plakatflut in die Stadt. Da gibt es keinen Laternenmasten, der nicht für die Kommunal- oder Europawahl wirbt. Und dies immer auch entlang der Radwege. Da wird es vor lauter „Heiße Luft-Slogans“ und Heilsversprechungen echt schwierig, die Spur zu halten. 

Das ist aber auch alles ziemlich verwirrend. Ich hab komplett den Überblick verloren. Welche der Plakatparteien ist denn nun für den Gemeinderat, welche sowohl für den Gemeinderat als auch für das Europaparlament und welche nur für die Europawahl? Was ist der Unterschied zwischen Stadtrat und Gemeinderat? Sind die Marxisten-Leninisten nun bei beiden Wahlen dabei? Und was macht eigentlich dieser Varoufakis auf den Plakaten? War das nicht der Typ mit dem Mittelfinger aus Griechenland? Oder war das der Böhmermann? Lauter Fragen, die einem kommen, während man auf dem Rad eine SMS schreibt, Musik auswählt, sich den Helm gerade rückt, nach der Sonnenbrille wurschtelt und eine Möhre isst. 

Da ich nun zum ersten Mal seit 2004 wieder den Gemeinderat in Freiburg wählen kann, bin ich mir der großen Verantwortung bewusst. 2009 war ich bei der Biomafia tätig und nicht so richtig wohnhaft. 2014 war ich noch in Leipzig und konnte dort zumindest einen Bürgermeister wählen. Als ich noch wesentlich jünger war, haben mich Kommunalwahlen nicht interessiert. Mit steigendem Alter wird die Kommunalwahl immer interessanter. Dies hat, so vermute ich, zwei Ursachen. Zum einen bin ich seit geraumer Zeit bei Welt-, Außen- und Innenpolitischen Themen sehr ratlos. Klar ist es faszinierend, wie die politischen Systeme, durch den Wählerwillen, an den Rand ihrer Funktionsweise getrieben werden. Aber es überkommt mich das Gefühl, dass alles immer komplexer wird und ich die Energie zum verstehen nicht mehr in dem Maße aufbringen kann, wie die Akteure die Systeme zu sabotieren versuchen. Wie viel einfacher ist es da, einen überschaubaren Gemeinderat zu wählen. Auch stelle ich fest, dass ich nun endlich mehr als einen Kandidaten persönlich kenne und somit einen Vertrauensvorschuss verschenke. Das ist doch was anderes als bei einer doch recht anonymen Wahl für ein EU Parlament im fernen Straßburg.

  

Zum anderen bin ich nun geistig soweit gereift, dass ich das mit dem Kumulieren und Panaschieren endlich handlungssicher verstehe. Ich versuche dies an dieser Stelle mal, anhand eines Beispiels, zu erklären. Es gibt ganze 18 Listen und ich habe 48 Stimmen. Ich kann es mir ganz einfach machen und einfach eine Liste, sagen wir mal die von Urbanes Freiburg, in die Wahlurne werfen und schon habe ich fertig gewählt. Da ich aber ein paar der Kandidaten mag und vertraue, gebe ich denen gleich drei Stimmen. Also der Jule, dem Jost, der Edda und dem Cicco. Dadurch verlieren aber jeweils zwei andere auf der Liste meine Stimme. Das nennt man dann Kumulieren. Wenn ich dann noch, von einer anderen Liste, jemanden gut finde, dann kann ich den auch auf die Liste schreiben und auch drei Stimmen geben. Das wäre vielleicht die Karin und den Herr Krögner von der SPD und der Herr Bock von der CDU. Dann hätte ich panaschiert. Das kann ich so oft machen, wie ich will. Ich muss nur aufpassen, dass ich nur 48 Stimmen abgebe. 

Gute Güte, hätte ich keine Lust, das ganze auszuzählen.

Aber nach wie vor fällt es mir schwer, zu glauben, dass sich viele Wähler durch die schiere Masse der Plakatwerbung überzeugen lassen. An jeder Straßenlaterne hängen mindestens zwei Plakate.  Vielleicht ist die Plakatschwemme aber auch eine Art Wettrüsten und Aufplustern zwischen den Parteien oder Kandidaten, nach dem alten Motto:“ Ey Alpha-Kevin, ich hab 400 Plakate mehr ing Littenwailer aufgehängt als wie Du. Isso Du Lauch.  Nung weisd du wer der Babu ist. “ 

(*ein Gerät, dass durch Mikrowellenstrahlen Durchfall beim getroffenen provoziert.)



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