Über Immungloboline, Onkologen und Zukunftspläne in meiner Kolumne für den November

Veröffentlicht am: November 13, 2018

Ein fröhliches Aloha liebe Leser, 

der vergangene Monat stand ganz im Zeichen des Arztes. Ganz im Sinne der fabelhaften Prisoners of Freedom die so treffend: „ A Doctor a Day, keep the Apple away!“ sangen. Sogar beim Schreiben dieser Zeilen liege ich schon wieder flach. Wobei das nicht ganz richtig ist, die meiste Zeit liege ich flach, aber hin und wieder lege ich einen Sprint zur Kloschüssel zurück. 

Aber der Reihe nach. 

Anfang des vergangenen Monats hatte ich meinen dreimonatigen Routinetermin in der Onkologie. Dies läuft seit März 2017 immer nach dem gleichen Schema. Erst wird der Port gespült, dann Blut abgenommen, dann das Gespräch mit der Onkologin und anschließend zum Ultraschall, damit wir beim nächsten Mal was zu reden haben. Seit ich das nun mitmache, versuche ich die Reihenfolge zu ändern und den Ultraschall vor dem Onkologen Gespräch zu legen, damit wir gleich über was reden können. Leider passen die Logik der Uniklinik und meine an diesem Punkt nicht zusammen. Egal, das ist eine andere Diskussion. 

Wie gesagt, ich hatte meinen Routine Termin in der Onkologie und war froher Dinge. Klar hatte ich Beschwerden, aber die hab ich seitdem

Krebsmist eigentlich immer. 

Ich finde, es gibt Berufsgruppen, die sollten sich keine Sorgen machen. Leider macht sich meine Onkologin welche um mich. Ihr osteuropäischer Akzent verstärkt, bei mir, ihre Glaubwürdigkeit und daher meine Sorgen umso mehr. Wir werden ein MRT machen, damit man mal in den dummen Kopf kucken kann, der seit Monaten Kopfschmerzen hat. Kopfschmerzen sind mir bisher vielleicht ein bis zweimal im Jahr untergekommen. Außerdem werden meine Blutwerte nicht besser. Genauer sollte ich nun viel mehr Leukozyten haben, als ich habe. Meine baumeln seit der Chemo immer zwischen 1900 und 2400. Normal sollten sie so bei 5000 -10000 sein. Die Messeinheit ist Anzahl Leukos pro Mikroliter Blut. Das kann nun mehrere Gründe haben. Entweder braucht mein Körper einfach mehr Zeit zur Regeneration, mein Abwehrsystem ist dauerhaft geschädigt oder der Krebs ist zurück. Um die letzten zwei auszuschließen hilft nur eine Knochenmarkpunktion. Die ist, wie ich schon geschildert habe nicht die angenehmste Form der Behandlung.in der klinik Über Immungloboline, Onkologen und Zukunftspläne in meiner Kolumne für den November

Puh. Ich muss gestehen, dass mir das ordentlich den Stecker gezogen hat. Ziemlich erschüttert ging ich dann auf Arbeit, da wir ja an einem Lastenfahrrad, auf dem ein Tischkicker montiert ist, bauen und gerade die heiße Phase mit Schweißen und Crowdfunding meine Anwesenheit erforderte. Die Frage des Tages war, wie sage ich es meiner Frau. Den ganzen Tag redete ich mir ein, dass das nichts bedeutet und nur zur Kontrolle passiert. Aber es half nichts.

Nachts bin ich dann mit einem fürchterlichen brennen in der Brust aufgewacht und konnte kaum Atmen. Das ging bestimmt zehn Minuten so, bis es langsam nachließ. Etwas besorgt aber froh, dass ich es vor meiner Frau geheim halten konnte, bin ich dann eingeschlafen. Am nächsten Morgen kam es wieder und ging auch nicht weg. Meine Gattin wollte mich gleich in die Notaufnahme schicken, doch ich plädierte für den Hausarzt. Meine Ärztin und ich waren uns einig, dass dies wahrscheinlich eine Reaktion auf die Nachrichten aus der Onkologie war. Ich altes Psychofrack, ich.

Leider schlug der Lungenembolie Schnelltest aber an und so wurde der Krankenwagen in die Arztpraxis gerufen. Als die da waren, durfte ich nicht mehr stehen, geschweige denn mitgehen, sondern musste mich im Arztzimmer auf diese tragbare Liege legen und wurde am Wartezimmer und Empfang vorbei abtransportiert. Zum Glück habe ich kein Schamgefühl. Eine der Arzthelferinnen hat sogar salutiert, was mich fast zu Tränen rührte. 

Nun lag ich nach holpriger Fahrt, ohne TaTüTaTa, in der Notaufnahme der Uniklinik mit dem Verdacht auf Lungenembolie und durfte noch nicht mal selbstständig auf Toilette. Hin und wieder wurde an mir rumuntersucht, aber die meiste Zeit hatte ich nur die Zimmerdecke und mich. Handys gehen im Übrigen in der Notaufnahme nicht. Einen Tag nachdem sich meine Onkologin Sorgen macht, ist Zeit ohne Ablenkung genau das, was man überhaupt nicht brauchen kann. Allein, hinter Vorhängen verstaut, in der Notaufnahme ist wie ein unheimliches Hörspiel in einer fremden Sprache. Ich kann Ihnen, liebe Leser, versichern, das die folgenden Stunden zu den schlimmeren meines Lebens gehörten. 

Aber, immerhin habe ich meine Beerdigung fast vollständig durchgeplant. Zuerst war ich mir unsicher, ob ich überhaupt eine wollte, aber nach und nach, fand ich die Vorstellung doch sehr angemessen. Auch die DJ’s für die After-Funeral-Party hab ich schon festgelegt. Aber ich schweife ab. Letztendlich kam ich nach acht Stunden aus der Notaufnahme mit der Diagnose „Furz verklemmt“ raus und war mit meinem Schicksal beinahe versöhnt. 

Ein paar Tage später erwartete ich den Anruf meiner Onkologin wegen des Termins für die Knochenmarkpunktion. Der Anruf kam, doch der Termin wurde verschoben. Stattdessen machen wir was anderes. Immunglobuline. Der Termin war eine Woche später. Bei Globuli dachte ich mir erst mal nichts. Das hört sich ja total nach Zuckerkügelchen und viel Heiteitei an. Ich sollte wirklich mal anfangen, die Begriffe der Ärzte zu googeln. 

Vollkommen unbedarft ging ich dann in die Klinik und wunderte mich schon über den Ort. In der habe ich meine Chemo und die Antikörper bekommen. Aber gut, Mund auf, Zuckerkügelchen rein und weg. Leider war meine Fantasie mal wieder besser als die Realität. Immunglobuline sind aus menschlichem Blutplasma, also nicht aus Nagernblut, wie die Antikörper, die ich bekommen habe, was mich irgendwie zum Vampir macht. Das Zeug wurde im Chemostuhlkreis in mich reingetropft. Da wollte ich nie mehr hin. Die Stimmung ist da immer sehr deprimierend. Die ersten zwei Stunden hab ich alles auch gut vertragen und war schon kurz vorm Ausstöpseln, als ich plötzlich wie verrückt Schüttelfrost bekam und beinahe umkippte. 

Ich bekam ein Notzimmer, Kortison und Schmerzmittel, damit ich den Schock erst mal in Ruhe ausschütteln konnte. Dort fühlte ich mich allein, einsam und auf meine zerbrechliche Körperlichkeit zurückgeworfen. Kein schöner Gedankenkreisel. Ausnahmesituationen holen nicht immer das beste in einem hervor. Nach ein paar Stunden war das schlimmste vorbei und ich konnte nach Hause torkeln. Ganze drei Tage lag ich dann flach und hatte enorm schlechte Laune. 

Eine Woche später traf mich dann Montezumas Rache und ich hab keine Lust mehr auf mein Bett, auf Tee und vor allem nicht auf zuhause rum liegen. Soweit mein Update für Sie, liebe Leser, aus der Krebsfront. Ich hoffe, dass der Onkologen Termin Anfang November gut läuft und ich keine weiteren Krebsberichterstattungen schreiben muss. Halten Sie die Ohren steif, „the Winter is coming!“



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