Über Flugscham, Kranksein und Soziale Medien in meiner Kolumne für den Oktober

Veröffentlicht am: Oktober 6, 2019

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

plötzlich macht sich sogar die GroKo auf das Klima zu schützen. SUVs werden als Todesmaschinen wahrgenommen und die Flugscham breitet sich angeblich aus.

Und ja, tatsächlich reden die Leute weniger von ihren Erfahrungen mit den Fluggesellschaften und auffallend viele Menschen sind in diesem Sommerurlaub gar nicht in die Ferne geflogen, was für das Klima enorm gut ist und in Zeiten des Overtourism als ein Akt der Menschlichkeit gegenüber den Einheimischen in den fernen Ländern gewertet werden muss. Ehrlich gesagt, waren mir Urlaube bisher nicht so wichtig. Da mir aberimmer ein wenig langweilig ist und aus dem Nichtflugurlaub eine so große Sache gemachtwird, weckt genau dies natürlich mein Interesse. So entwickle ich eine nie gekannte Lust, den Urlaubsgeschichten meiner Mitmenschen zu lauschen. Meine Ambrosia werden die Ungereimtheiten in den jeweiligen Erzählungen. Schließlich habe ich nicht umsonst schon mit zarten zwölf Jahren alle Sherlock Holmes Fälle auswendig gelernt.

Wenn man investigativ nachfragt, wie denn der Urlaub mit der Bahn in Tirol war, verstricken sich die meisten spätestens bei den Gipfelnamen in Widersprüche. Nach einer guten Stunde penetranten Fragens, welches einem anständigen Verhör nicht unähnlich ist, geben sie dann unter Tränen zu mit dem Flugzeug im fernen Thailand gewesen zu sein.

Was sind das für herrliche Zeiten. Noch nie konnte man so elegant mit dem Finger auf andere zeigen und sie als Klimakiller diffamieren. Und dies nur, weil man selbst nicht in den Urlaub geht. Vor ein paar Jahren war es genau umgekehrt. Da wurde man als Lebensverlierer und Langweiler gebrandmarkt, wenn man nicht einen Rucksackurlaub im Indischen Hochland machte und noch nie Malaria hatte. Zu meinem Glück haben sich die Verhältnisse ins Gegenteil gekehrt. Die zutiefst egoistische und hedonistische Individualfernreise ist nicht mehr „en vogue“. Nun ist maximal der Campingurlaub mit dem Auto tragbar. Wobei, noch besser ist die Reise mit der guten alten Eisenbahn. 

Für mich ist dies natürlich supi, denn seit Jahren leiste ich völlig unterbewusst meinen Beitrag zum Klimaschutz. Bisher war mir dies auch gar nicht als heroische Tat aufgefallen. Nun kann ich meine Unzulänglichkeiten mit der wärmenden Decke des Klimaretters kaschieren und meine Gründe für das Aussetzen eines Urlaubs wegen meiner Phobie vor fremden Krankenhäusern in das positive Bild des Klimaschutzes wandeln. Mehr noch, ich kann die CO2-Bilanz einer Reise als Grund für den Urlaub auf Balkonien angeben. Vom Psychofrack in einen modernen Mahatma Gandhi in nur einem Sommer. Herrlich. 

Ach was war ich vor meiner Psychose sauer, weil meine Frau im Sommerurlaub am liebsten hier in Freiburg bleiben wollte. Schlimm. Aber heute können wir getrost sagen, dass wir uns für das Klima opfern und deshalb eben nicht in die Ferne streben. 

Dadurch, dass wir kein Auto, aber ein Lastenfahrrad haben, kann ich jedem vorhalten, der ein Auto besitzt, wie einfach und gut mein Handeln für die Stadtgesellschaft ist. Auch ein Nachtreten plus Zusatzsternchen im Fleißheftchen kann ich geltend machen, da mein Lastenfahrrad keinen E-Motor hat und somit noch nicht einmal Strom verbraucht. Dassdies aber nur daran liegt, dass ich kein Geld hatte mir eines mit E-Motor zu kaufen, muss ja nicht erwähnt werden.

In den letzten Jahren habe ich bei mir unangenehmen Sachen öfters die Krebskarte gezogen, nun haue ich mit der Klimakeule drauf. Jetzt wird der Abwasch nicht mehr wegen meines Tumors nicht gemacht, sondern wegen des hohen Wasserverbrauches. 

Einen kleinen, aktiven Beitrag zum Klimaschutz habe ich in den letzten Monaten aber doch aus Versehen gemacht. Anfangs des Sommers habe ich eine Dokumentation über Facebook bzw. über Cambridge Analytica angesehen. Das Thema Datensammeln von Konzernen und Demokratie hat mich in Folge dessen nicht mehr losgelassen. Nach ein paar Wochen der Recherche entschloss ich mich zu einem radikalen Schnitt und habe mich aus allen Sozialen Medien abgemeldet. 

 Über Flugscham, Kranksein und Soziale Medien in meiner Kolumne für den Oktober

Ja, Sie lesen richtig!

Der Typ, der sich bei jedem neuen Netzwerk, so obskur es auch war, sofort angemeldet hatte, hat sich zu einem Verweigerer gewandelt? Die einfache Erklärung ist, dass dies mein kleiner Beitrag zum Klimaschutz ist. Die Facebooks, Googles und Myspace bekommen meine Daten nicht mehr und die Server, auf denen meine Daten immer mehr wurden, verbrauchen nun weniger Strom, da ich diese nicht mehr benutze. Die kompliziertere Antwort hat zum Teil etwas mit dem Umgang mit meinen Daten zu tun. Zum größeren Teil aber mit der Arroganz mit denen die Webkonzerne mit den Datenskandalen und ihrer Verantwortung umgehen. Hinzu kommen noch die wirklich lächerlichen Strafen der Social Media Konzerne infolge dieser Datenskandale. Wie dem auch sei, ich bin raus aus WhatsApp, Instagram, Facebook und wo ich sonst noch so alles war. Bald auch bei Youtube, Google und wie sie alle heißen. Bei Google brauche ich ein bisschen Umstellungszeit, da all meine E-Mails seit Anbeginn der Zeitrechnung bei denen liegen. Für meinen kleinen Illustrationsblog bedeutet dies natürlich auch, dass sich keiner mehr auf meine Webseite verirrt, da der Inhalt nicht mehr auf sozialen Netzwerken gespiegelt wird. Meine Erkenntnis ist ein bisschen ernüchternd: Die meisten sehen das Internet nur noch durch das Facebook-Instagram-Geschwür. 

Apropos Geschwür. 

Falls Sie sich fragen, warum man mich nicht mehr auf der Straße sieht. Mit dem Herbst kommt nicht nur die nasskalte Jahreszeit sondern auch die Erkältungszeit. Dies ist fürmich und mein kaum vorhandenem Immunsystem auch die Zeit, in der ich beständig einen Infekt habe. Sie kennen die Jammerei von Männern, die mit Schnupfen geplagt sind und beständig denken, dass sie dem Tode nahe sind. In meinem Fall kommt erschwerend hinzu, dass ich dann denke, dass mein Lymphom zurück ist. Ein unschöner Hirnfickbegleitet mich dann die Wochen, an denen ich etwas ausbrüte. Ist dies nur ein einfacher Virus oder schon die Rückkehr des Krebsmistes? Alle Unzulänglichkeiten des alternden Körpers werden von mir negativ gedeutet. Wenn ich, wie die letzten Wochen, beständig kalten Schweiß entwickle, blass und schwach aussehe und dazu noch recht schnell außer Atem bin, ziehen sich in mir sofort die Kausalketten zusammen und mein Hirn schreit: „Das sind die Symptome des Lymphoms von Dezember 2015!“ und nicht: „Das ist das Übergewicht und der Fleischkonsum“. Durch das beständige Misstrauen dem eigenenKörper gegenüber werde ich mehr und mehr zum Psychofrack. Darauf bereitet einen niemand vor. Ich kann schon keine Woche mehr zuhause im Bett liegen, ohne dass ich mir selbst auf die Nerven gehe. Am schlimmsten ist es am Morgen, denn da bleibt ein ganzer Tag. Mitte Oktober habe ich wieder Onkologen-Termin, dann weiß man mehr.

In diesem Sinne, haltet die Ohren steif und bis zum nächsten Mal.



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