Über das Krank sein in meiner Kolumne für den November

Veröffentlicht am: November 3, 2019

Ein fröhliches Aloha liebe Leser, 

mit letzter Kraft, aber dank meines übermenschlichen Willens schreibe ich diese Zeilen. Mein kurzzeitiges Interesse für Shaolin Wushu-Meditations-Videos, welche ich mir vor zwei Jahren auf chinesischen Youtube-Kanälen wochenlang angesehen habe, zahlen sich letztendlich aus. Auch wenn meine Gattin dies als Zeitverschwendung betrachtet hat. 

Verpflichtungen sind verpflichtend. Meine Verantwortung ist Ihre Erwartung liebe Leser. Sie erwarten, zu Recht, jeden Monat einen kleinen Seelenstriptease von mir. Auch wenn es mir angesichts meines Siechtums unglaublich schwerfällt. 

 Über das Krank sein in meiner Kolumne für den November

Seit dem 7. September bin ich nun erstaunlich regelmäßig bettlägerig. Ein fieser Virus hat sich meinem Organismus bemächtigt und will einfach nicht aus ihm heraus. Bakterien kann man wegen der vorhandenen Zellwand und ihrer Innenstruktur gut mit Antibiotika erschießen. Viren im Gegensatz sind viel, viel gemeiner. Sie nisten sich in den Zellen ein und übernehmen die Kontrolle. Kurz, bei Viren hilft nichts. Viren sind die Delfine der Krankheitsursachen. Freche, kleine und vor allem fiese und missratene Bösewichte. Die Heilung braucht vor allem Zeit und die Kraft des Immunsystems. Meines verhält sich wie Napoleon bei Waterloo, wie William Travis in Alamo oder wie Dieter Salomon vor dem ersten Wahlgang. 

Ein weiterer Punkt bei viralen Infekten ist auch die psychische Verfassung des Wirts. Die war ja wegen meines Onkologie-Termins nicht die Beste. Nachher ist immer auch vorher. Der Termin kam und ich war etwas beunruhigt. Nach dem ganzen gesundheitlichen Dilemma und meinen Symptomen befürchtete ich schlechte Neuigkeiten. Es bleibt wie gehabt, wir warten die weiteren Entwicklungen ab und handeln erst mal nicht.

krank am schreibtisch Über das Krank sein in meiner Kolumne für den November

Dies bedeutet, dass ich auf beiden Fronten zum Warten verdammt bin. Abwarten ist nicht unbedingt meine Stärke. Bei einem Vorstellungsgespräch würde ich, wenn ich nach einer Schwäche gefragt werden würde, „Warten“ und die Angst „Ausgelangweilt“ zu werden als meine einzigen Schwächen aufzählen. Verstörender Rückenhaarwuchs und andere körperliche Besonderheiten dürfen zum Glück nicht gefragt werden. Was habe ich also die vergangenen Monate in meinem langweiligen Leid gemacht. Richtig. Ich habe viel gejammert und gezetert. Ich war mir sicher, dass ich mich wund liege und meine Hündin mich aus Mitleid zerfleischen wird. Auch war ich bei jedem Klingeln an der Türglocke sicher, dass der Gevatter Tod endlich erscheint, um mich zu erlösen.

Ausgebremst und ans Bett gefesselt kam ich auf die Idee, mithilfe von Verdünnung meinen Leib zu heilen. Was bei Globuli so einfach klingt, ist beim Körper einfach nicht möglich. Da konnte ich noch soviel Wasser in mich reinkippen und mich schütteln, es half nichts. Da die Pseudowissenschaft nichts brachte, fand ich meinen Weg zur Religion. Zitternd stapfte ich zu McDonald und hab mir Chicken McNuggets besorgt, um diese an einem eilig zusammengebastelten Altar einem, nicht näher benannten, Voodoo-Gott zu opfern. Außer einer riesigen Sauerei durch das Opferritual war keine Besserung meiner Lage spürbar. 

Soweit also wie immer, wenn ich Männerschnupfen habe. Mit Anfang zwanzig konnte ich, zwar mit enormer Anstrengung, noch ohne Hilfe diese Krankheit überstehen. Heute, mit fünfundirgendwas bin ich auf fremde Mitwirkung angewiesen. Leider ist meine Frau die lausigste Krankenschwester der Welt. Wobei ich glaube, dass sie nur deshalb schlecht ist, weil sie meine Erkrankung nie so richtig ernst nimmt. Dies merkt man am Verdrehen der Augen, wenn ich leidvoll vor Schmerzen stöhne, oder an ihrem Unwillen, mir einen Tasse Teebier aufzubrühen. Aber anstatt mich mit den altbewährten Mittelchen wie Whisky und Schmerzmittel auszustatten, will sie mir ständig irgendwelche Zuckerkügelchen unterschieben, die sie von ihrer Hexe bekommen hat. Dabei weiß jeder Zucker hilft nur bei Kindern. Ich bin so froh, dass sie den Beruf des Schreiners ausübt und keinen Pflegeberuf gewählt hat. Ein Glück für die Menschheit, denn sie hätte auch Ärztin werden können. Aber zurück zu mir.

Während ich also meine Strategien als Kranker verfeinerte, habe ich dieses Mal zusätzlich Hörbücher gehört und vor allem TV Sendungen geguckt. Seit Netflix in unsere Wohnung eingezogen ist, schauen wir kein traditionelles Fernsehen mehr. Serien sind die neue Währung bei sozialen Interaktionen.

Darum wollte ich mit meinem benebelten Kopf auf keinen Fall riskieren, ein neues „Breaking Bad“ so halb gesehen und gar nicht verstanden zu haben. So habe ich mich durch die Mediatheken der deutschen Fernsehlandschaft geklickt. Ich habe „Jung, pleite und verzweifelt“, „Die jungen Lehrer“, und natürlich „Rosins- Restaurants“ geglotzt. Eines kann ich Ihnen versichern: Es taten sich all die Abgründe auf, von denen man immer liest. Ich steh ja sonst jederzeit auf Remmi-Demmi. Es ist so was wie mein Naturell, dass ich Ramba-Zamba gut finde. Aber diese TV-Beiträge waren für mich viel zu krawallig und oft auch zu menschenverachtend. Letztendlich blieb ich bei zwei Sendungen hängen und habe mir nichts anderes mehr angesehen. Tagelang! Dies war zum einen „Das große Backen“ und zum anderen „Hubert und Staller“. 

Das „Große Backen“ ist ein quietschbunter Backwettbewerb mit anfangs zehn Kandidaten. Diese müssen Kuchen, Torten und Kekse backen, die eine Jury bewertet. Während des Wettbewerbs sind alle zu allen sehr, sehr nett und unglaublich solidarisch. In jeder Folge muss ein Kandidat die Sendung verlassen, was immer mit vielen Tränen verbunden ist. 

„Hubert und Staller“ ist eine typische Vorabendserie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Zwei bayrische Provinz-Polizisten geraten während ihrer Arbeit in Fälle hinein, die sie immer mit viel Inkompetenz und fragwürdigen Slapstickeinlagen lösen. 

Beiden Sendungen gemeinsam ist ihre grenzenlose Harmlosigkeit. Da tut nichts weh, es wird niemand vorgeführt wie bei den Scripted Reality-Formaten. Vor allem ist dort die Welt noch in Ordnung und das deutsche Wesen ganz bei sich. Beide Sendungen kann man ausschließlich ertragen, wenn man richtig krank ist. Sobald ich mich auch nur ansatzweise besser fühlte, habe ich vor lauter Scham Tortellini gefaltet und das Bad geputzt. 

Vielleicht habe ich zufällig eine Heilungsmethode entdeckt: „Gesund durch Scham“. 

In diesem Sinne, versuchen Sie es auch mal oder bleiben Sie gesund.



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