In Weihnachtstimmung kommen mit meiner Kolumne für den Dezember

Veröffentlicht am: Dezember 14, 2017

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,
wie in jedem Jahr schliddere ich vollkommen unvorbereitet in diese vermaledeite
Vorweihnachtszeit. Weihnachten ist für mich das Nordkorea unter den Feiertagen.
Soziologisch wie auch psychologisch ist Weihnachten ein emotionaler Ausnahmezustand, bei dem man sich in eine Zeit zurückgeworfen fühlt, die man sehr schmerzhaft überwunden geglaubt hat und die vernarbte Wunden öffnet, von denen man nicht mal mehr wusste, dass sie einem zugefügt worden sind.
Persönlich bin ich in frühester Kindheit von dem Pelzmärtel, an die wahre Bedeutung von
Weihnachten herangeführt worden. Dieser stopfte meine neben mir schreiende ältere Cousine in einen Sack und verschleppte sie in den nicht weit entfernten Wald. (Der Pelzmärtel kommt aus wü rtemberg Sibirien und ist eine Mischung aus Krampus und Knecht Ruprecht. Auch ist er der böse Besucher, wenn das Christkind in der Stube war. Erst spät erfuhr ich, dass das Christkind immer besoffene Dorfjugendliche waren und der Pelzmärtel immer mein Vater.)
Von diesem Moment an, kann ich mich, wenn ich an Weihnachten denke, nur noch an den Geruch der Toilette, in der ich mich versteckte, den schmerzenden Rücken vom Zudrücken der Tür, die große Angst und die vollen Hosen erinnern. Vielleicht liegt es auch an diesem sich jährlich
wiederholenden Ritual, welches immer mit anderen Kindern in meiner Verwandtschaft durchgeführt wurde. Oder an meiner Taktik, den ganzen „Heiligen Abend“ die Toilettentüre von innen krampfhaft zuzudrücken und mir vor Angst in die Hosen zu machen. Vielleicht auch daran, dass der Pelzmä rtel nicht nur an diese Türe klopfte, sondern versuchte, diese mit Gewalt zu öffnen. Was auch immer den Ausschlag gab, seitdem hasse ich die Weihnachtszeit.
Nun habe ich zwar noch immer ein ungutes Gefühl, wenn es Richtung Adventszeit geht, bin aber schon mit allen Weihnachtswassern gewaschen. Leider muss ich feststellen, dass je älter ich werde, es mir umso schwerer fällt in Weihnachtsstimmung zu kommen. Vor fünfzehn Jahren reichten mir noch Whisky, die LP „I See a Darkness“ von Bonnie ‚Prince‘ Billy und Martin Suter, um weihnachtsgefühlig zu werden.
Ja, ich weiß. Damals habe ich es mir noch recht einfach gemacht und mich von dem ganzen Weihnachtskram mit einer amtlichen und geschmeidigen Depression distanziert. Leider leidet die Depression an schlechter Presse und wird von den Fake News zu oft dämonisiert. Sie ist kein Menetekel, wie so oft behauptet wird, sondern sollte vielmehr als Chance begriffen werden. Und glauben Sie mir, ich weiß wovon ich da schreibe. Der schwierigste Part einer Depression besteht allerdings darin, die Welt als Jammertal zu sehen. Man darf in nichts mehr einen Sinn sehen, ohne in Selbstmitleid zu versinken. Selbstmitleid ist was für Flachpfeifen und Jammerlappen, eine Depression quasi die Erhebung in den Adelsstand. Fragen eher philosophischer Natur wie: » Warum müssen die armen afrikanischen Kinder immer zu Weihnachten hungern, was ist das nur fü r ein Gott?«, oder »Warum gibt es Krieg?« wirken Wunder. Der Schlüssel zum Erfolg ist es, das » Große Ganze« in Frage zu stellen. Also die Grundsicherheiten (Liebe, Vertrauen, Sinn) und die gesellschaftlichen Strukturen (Kapitalismus, Glaube, Kultur). Ist dies nicht alles wunderbar brö ckelig und in den Grundfesten erstaunlich wackelig?
Eine liebevoll gepflegte Depression kann das Leben bereichern. Gerade in einem Land, in dem sich jeder bei einem angekündigten Sonnenstrahl einbildet, er hätte eine Ausbildung bei Circus Roncallli genossen, müsste man der Depression den Stellenwert einräumen, den sie verdient hat. In solch einem Land stimmt etwas nicht und völlig zurecht sehen unsere Nachbarländer uns seit Jahren sehr skeptisch dabei zu.
Aber selbst mit einer wie auch immer gut inszenierten Depression komme ich nicht mehr zu
Weihnachtsgefühlen. Die letzten Jahre brauchte ich es irgendwie härter. Um in Stimmung zu kommen, muss ich mir von Jahr zu Jahr etwas Neues ausdenken. Vor fünf Jahren bin ich
beispielsweise in eine heute nicht mehr existierende Großraumdiskothek und habe sehr
angestrengt hübsche, agile und junge Körper ansehen, die offensichtlich extrem viel Freude an ihrer Jugend hatten. Gestanden habe ich damals übrigens bewusst neben den sabbernden, gimbrigen Säcken, die seit Jahren nur aus Hoffnung genau dort stehen. Die Hoffnung, dass sie jemand aus Mitleid mitnimmt. Unter Fachleuten wird dies übrigens als »Wauzi-Syndrom“ oder „Tierheimtaktik« bezeichnet. Das dadurch entstandene Gefühl hat mich gut über die Feiertage gebracht.

Noten für die Kronenbruecke In Weihnachtstimmung kommen mit meiner Kolumne für den DezemberDas Jahr darauf habe ich mich absichtlich in ausweglose Konfliktsituationen begeben und mich hierzu auch ordentlich vorbereitet. Schlafmangel, wochenlanges Nichtwaschen, übermäßiger Alkoholkonsum und vor allem unerwartete hysterische Ausbrüche haben für ordentlich verstörende Emotionen mit den Menschen geführt, die ich eigentlich recht gerne habe. Da war dann auch wie erwartet alles drin, was einen guten, gemütlichen Abend mit Freunden ausmacht. Heiterkeit, Behaglichkeit, Euphorie, Freude, Missgunst, Melancholie, Verlegenheit, Übermut, Kränkung, Schamgefühl, Verzweiflung, Angst, Zorn, Wut, Resignation, Enttäuschung, Aggressivität, Fassungslosigkeit und natürlich Grausamkeit. (Sie, liebe Leser, können übrigens diese Taktik gerne verwenden und natürlich frei erweitern, um eine rasche Eskalation von Situationen herbeizuführen. Und vergessen Sie dabei nicht: „Lautstärke kann ein Schlüssel zum Erfolg sein.“) In diesem Jahr werde ich die Empathiefähigkeit meiner Mitmenschen ausnutzen und mich ein paar Tage mit einem Gartenstuhl und genügend warmen Decken an der provisorischen Fahrrad-Querung vor der Kronenbrücke platzieren. Ich glaube, wenn ich den morgendlichen Radpendlerverkehr und die dadurch entstehende „Wall of Hate“ aus Fahrrädern auf beiden Seiten der Straße auf mich einwirken lasse, müsste dem erfüllten Fest der Liebe eigentlich nichts mehr im Wege stehen. Wenn Sie dieses Spektakel der Emotionen und Fast-Unfälle nicht kennen, sehen Sie es sich unbedingt noch an, bevor die mit der Brücke fertig sind.
In diesem Sinne, kommen sie gut durch diese grauselige Zeit und wir lesen uns im nä
chsten Jahr wieder



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