Es geht um den Lederleplatz in meiner Kolumne für den August

Veröffentlicht am: August 17, 2019

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

mit einem sehr ereignisreichen Monat verabschiedet sich die Republik in das wohlverdiente Sommerloch. 

Mir wurde ja schon fast schwindelig vor lauter Personenkarussell. Das muss man erst mal verarbeiten. Eine Deutsche an der Spitze der Europäischen Kommission. Und dann noch eine, die sich nicht lächerlich macht, wenn sie eine andere Sprache spricht. Persönlichempfinde ich diese enorme Sprachkompetenz der von der Leyen als Skandal. Wie soll man Emotionen für die EU entwickeln, wenn die deutschen Vertreter nicht in Fantasie-Englisch völlig unkomplizierte Sachverhalte wahnsinnig verworren und komplex erklären. Bisher zeichneten sich deutsche Spitzenpolitiker in der EU ja in erster Linie durch Unvermögen und Peinlichkeiten aus. Vielleicht, so dachten sich Orbán und seine Amtskollegen aus Polen, Tschechien und der Slowakei, ist es an der Zeit, dass sich ihre Bürger wieder vor dem deutschen Wesen fürchten, damit die EU in der Folge ordentlichauseinander brechen kann. Orbán hat erkannt, dass das Bild des fröhlichen Deutschen ein Trugbild ist, welches man am ehesten mit einem Einhorn vergleichen kann. 

Denn so tolerant und weltoffen sich die Deutschen zur „Sommermärchen WM“ und bei der sogenannten „Flüchtlingskrise 2015“ präsentierten, sind wir eigentlich nicht. Der fröhliche, weltoffene, ja nette Deutsche ist nicht nur in der EU ein Fabelwesen. Selbst in Freiburg wurde dieses Einhorn länger nicht gesehen. Es scheint, als ob die Freiburger zwar in einer jungen, schönen und vor allem attraktiven Stadt leben wollen, aber so um 20 Uhr sollte doch jeder wieder in seinem Zuhause sein und endlich Ruhe geben. Aktuell wird im Stühlinger der Krieg gegen die Jugend propagiert. Grund ist das nächtliche Treiben auf dem Lederleplatz.

Dieser ist ohne Frage ein öffentlicher Platz, auf dem viel getan wurde ihn unattraktiv zu gestalten. Und genau auf diesem öffentlichen Platz sind seit Mitte Juni sehr regelmäßig Menschen. Diese sitzen da so rum, rauchen, trinken und reden miteinander. Das alleinwürde selbst in Oberammergau noch nicht zur Kriegsrhetorik reichen. Der Knackpunkt ist natürlich die Uhrzeit. Es geht vordergründig um Lärm und ihre Ursachen. Da werden der berechtigte Wunsch nach Ruhe und Schlaf gegen den ebenso berechtigten Wunsch, bei den Temperaturen noch ein Bierchen mit Freunden im Freien zu trinken, ausgespielt. Im Hintergrund geht es um einen Verteilungskampf und gerade öffentliche Plätze sind Orte, an denen sich diese Verteilungskämpfe offenbaren. Wem gehört denn nun eigentlich die Stadt? Wessen Interessen wiegen mehr?  

Die Interessen des Fabrikarbeiters, der seit 20 Jahren im Stühlinger lebt und durch den Lärm, den die Nachtschwärmer machen, sein Fenster schließen muss, um schlafen zu können oder das Interesse der angehenden Krankenschwester, die sich nach getaner Arbeit mit ihren Freunden noch kurz auf dem Lederleplatz trifft? 

Hat derjenige, der die höchste Miete bezahlt und sich die Wohnungen an öffentlichenPlätzen leisten kann, mehr Rechte, als diejenigen, die diese Plätze nutzen wollen, weil Kneipen dann doch mehr Geld kosten, als ihr Geldbeutel zulässt? 

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Der Lederleplatz im Freiburger Stadtteil Stühlinger

Da ich ja immer noch der einzige Soziologe im Dorf bin, pack ich mal meinen Simmel, Sennet und Bahrdt aus und werfe etwas Öl ins Feuer und in die Aufregung: 

„Der öffentliche Raum ist eine Voraussetzung städtischen Lebens. Im öffentlichenRaum spiegelt sich das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Durch ihn wird Stadt erst zur Stadt.“

Diese Aufregung besteht in der Regel aus einem „Früher“ und einem „Verändert.“ Wie für alles, was sich verändert, gilt: Früher war alles besser!

Ich kann dies ja auch ein Stück weit verstehen. Auch ich war entsetzt als der Treff 2000 zum Netto City wurde. Ich bin nun seit 20 Jahren mit dem Stühlinger verbunden und wie das so ist, wenn man in einen neuen Stadtteil zieht, hält man sich an Fixpunkten in der eigenen Nachbarschaft fest. Da wird der Supermarkt zu meinem Supermarkt, das Café zu meinem Café, der Bäcker zu meinem Bäcker. Mit der Zeit verbindet man diese Orte mit Geschichten und der Wohnort wird zur „Heimat“. Und alles ist schick, weil gewohnt. Wenn sich dann, sagen wir mal mit einem neuen Geschäft wie dem Späti, etwas ändert, fühlt man eine Störung der gewohnten Ordnung. Statt sich das einfach mal anzusehen, wird ganz schnell der Knüppel der Toleranz ausgepackt und auf das Neue eingeprügelt. Eswerden Kausalketten aufgebaut und diese dann noch kräftig schwarz und weiß angemalt. Nur damit es keinen Platz für einen Diskurs gibt. Ruckzuck wird das Neue dann für alles verantwortlich gemacht, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. 

Das Team vom Späti ist meiner Beobachtung nach sehr bemüht ihren Kunden ein Verständnis für die Anwohner zu vermitteln und mit den umliegenden Bewohnern in einen Diskurs zu kommen. Dies kann man von der Anwohnerseite nicht unbedingt behaupten. 

Den Späti für den Lederleplatz verantwortlich zu machen, ist ein bisschen so, wie wenn man die Reggaemusik am Dienstag in einer Stühlinger Kneipe für das Drogenverkaufsproblem auf dem Stühlinger Kirchplatz verantwortlich machen würde. 

Statt miteinander nach Lösungen zu suchen, packt man Kriegsrhetoriken aus und droht, als ob es kein Morgen gäbe. Es kann nicht sein, dass jeder in dieser Gesellschaft auf ewig jung und mega-hip sein möchte, dann allerdings, wenn es um Jugendaktivitäten geht, die nicht in die eigene Wohlfühlzone passen, ganz schnell so alt wie der olle Rentner auf dem Dorf agiert. Da bleibt mir ehrlich gesagt ein bisschen der Mund offen stehen. Genau aus diesem Grund, weil Stadtluft frei macht, wohne ich nicht im Dorf. Humor würde vielleicht ganz guttun. Oder trägt man den jetzt nicht mehr zur Mistgabel und Fackel?

Ich finde, bei diesem Thema gibt es kein richtig oder falsch. Es geht um die Art, wie wir in einer Stadt zusammen leben wollen und können. Dafür benötigt es Gesprächsbereitschaft, das Ringen um Kompromisse und vor allem um Verständnis für die unterschiedlichen Bedürfnisse. Wenn man sich die Mietpreise in Freiburg so anschaut und länger darüber nachdenkt, wird man so deprimiert, dass der Nachtschwärmerlärm vielleicht doch eine willkommene Abwechslung ist.



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