Braunschweig, der letzte Bericht in meiner Kolumne für den Juni

Veröffentlicht am: Juni 12, 2018

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

Was für ein Monat. Kerle, Kerle.
Für mich kam der neue Oberbürgermeister recht überraschend. Auch nach vielem Nachfragen konnte ich keine richtige Wechselstimmung ausmachen. Und doch war da offensichtlich eine. Leider war ich bei der OB-Wahl 2010 noch nicht wieder in Freiburg, aber ich glaube nicht, dass es damals auch so enorm viel Podiumsdiskussionen und Brimborium um die OB-Wahl gegeben hat. Auf eine der Podiumsdiskussionen habe ich es geschafft und ich muss sagen, da war überraschenderweise eine Menge los.

Lokalpolitik ist in meinem Kosmos ja eher etwas für mein ausgeprägtes Prokrastinationsverhalten. Also wenn ich beispielsweise eine Kolumne abgeben sollte, lese ich mich Tage lang in die Tiefen der Lokalpolitik ein, um nichts schreiben zu müssen. Recherche geht nun mal vor. Recherchieren hätte ich auch mal vor der Podiumsdiskussion der IG-Subkultur im Café Atlantik machen sollen. Da Langzeit studierte ich Politikwissenschaften und die kommunalen Wirkmechanismen sind mir einfach nicht geläufig. Angeregt durch den ein oder anderen Fragesteller aus dem Publikum sowie den Antwortgeber aus der Kandidatinnen Riege hab ich mich in den letzten vier Wochen mit verschiedensten Themenbereichen der Lokalpolitik beschäftigt.
Ich habe verstanden, dass ein Bürgermeister nicht der Sonnenkönig ist. Er kann ohne den Gemeinderat nicht so arg viel machen. Im Atlantik ging es verständlicherweise viel um Lärm, das Nachtleben und die Frage, was denn der neue bzw. alte Bürgermeister für das Nachtleben machen würde. Der nun neue Bürgermeister würde gerne Konzerte auf dem Stühlinger Kirchplatz unterstützen und auch sonst, in „der jüngsten Stadt Deutschlands“ allerlei Outdoor Abendunterhaltung ganz gut finden. Das ist ja an sich supi und doch musste ich mich da mal einlesen. Denn, was so ein Bürgermeister leider nicht kann, ist gegen bestehende Gesetze verstoßen. Wenn Bsp. Lärm von der EU „als einer der größten Umweltprobleme“ definiert wurde und dann noch die Bekämpfung von Lärm 2005 zum Bundesgesetz (§48 BlmSchG) mutierte, dann sollte man sich sehr genau überlegen, was man da dem feierwilligen Publikum erzählt. Klar finde ich persönlich, die Verwaltungsvorschrift zu diesem Gesetz, realitätsfern.
Leider sind die Lärmimmissionsrichtwerte fest in der Vorschrift verankert. So darf in einem „Urbanen Gebiet“ wie Bsp. der Augustinerplatz bis 22 Uhr max. 63 Dezibel haben und ab 22 Uhr nur noch 45 Dezibel. Nur mal zum Vergleich, 65 dB ist ein normales Gespräch oder ein Fernseher in Zimmerlautstärke, 55 dB ist Regen oder der Kühlschrank, 40 dB ist Flüstern.
So weltfremd ich diese Vorgabe auch finde, so unmöglich fand ich manche Aussagen unseres neuen Bürgermeisters, als er es noch nicht war. Da ich ja leider auch immer der große Optimist bin, habe ich mir schon mal meine Festival Ausrüstung zusammengelegt, um am Start zu sein, wenn demnächst auf dem Stühlinger Kirchplatz Open Air Konzerte stattfinden. Vielleicht kann der Popbeauftragte da ja was Größeres draus machen, mit seinen Kontakten zu all den Musikern. Bestimmt wird der Traum eines „Festivals der Guten Laune“ unter der Schirmherrschaft von Martin Horn bald Wirklichkeit. Synergien nutzen heißt das Schlagwort. Vielleicht sehen wir ja bald die großen Bands, die im Umfeld des „Fireworks of Rock“ live gespielt wurden auch live auf der drogenfreien Kirchplatzbühne.
Worauf ich eigentlich hinaus wollte, war meine Überraschung, dass es zum einen plötzlich ein Interesse an Lokalpolitik gibt und daraus auch eine Erwartungshaltung erwächst, die der Wahl nicht angemessen ist. Wie kommt es denn, dass die Gemeinderatswahl in Freiburg nur rund 50 % Wahlbeteiligung hat. Wo ist dieses Interesse denn, wenn es um die Europawahlen oder Bundestagswahlen geht? Denn dort wurde nicht nur der Straßenverkehrslärm, sondern auch der Draußenrumsitzlärm als Umweltproblem definiert. Ein schöner Merksatz ist: „Wenn man Arschlochparteien wählt, bekommt man Arschlochgesetze.“ Und noch so ein Satz: „Wenn man sich nicht darum kümmert, dass sich etwas verändert, verändert sich auch nichts.“
Aber was weiss ich schon. Ich habe zwar bemerkt, dass sich mehr Leute mit Lokalpolitik beschäftigt haben als üblich, aber so was wie Wechselstimmung habe ich trotzdem nicht gespürt. Vielleicht hätte ich mich mehr in der Vauban und in der Wiehre rumtreiben sollen. Aber was sollte ich denn da?
Wenn ich so darüber nachdenke, geht es mir so mit fast allen Stadtteilen in Freiburg. Früher habe ich nie verstanden, warum Leute in ihrem Kiez bleiben und sich gedanklich von den anderen Stadtteilen abschotten und nun bin ich selber so einer. Ich bin fast nie in der Innenstadt und wenn dann nur in meinem Lieblingsladen am Schwabentor um Eisenwaren zu kaufen. Den Rest der Innenstadt sehe ich nur, wenn ich zum Arzt gehe und das ist nun schon rekordverdächtige neun Wochen her. Ich nehme mir mal vor, mindestens einmal im Monat durch einen Stadtteil zu radeln, damit ich nicht nicht so furchtbar alt fühle.

Ach da fällt mir ein, dass ich ja versprochen habe die Trilogie aus Braunschweig zu Ende zu erzählen und das Braunschweigbashing endlich zu beenden. Wiedereinmal war ich als Tourbegleiter in Braunschweig gelandet. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wo die Buben der Band zu dem Zeitpunkt waren, als ich mich in einer seltsamen Kneipe wiederfand. Nach dem bestellten Bier trat ein gleichaltriger Mann mit schnittiger Frisur auf mich zu und wir fingen an, uns nett zu unterhalten. Die Kneipe war recht gut gefüllt und mir viel gar nicht auf, das keine Frauen anwesend waren. Nach ungefähr einer viertel Stunde Small Talk holte mein Gegenüber plötzlich aus und schlug einem hinter mir stehenden Mann einfach so mit voller Wucht in die Fresse.
schlaegerei Braunschweig, der letzte Bericht in meiner Kolumne für den Juni
Völlig perplex vom Windhauch seiner Faust probierte mein Körper etwas Neues aus: „No Fight & No Flight“ nennen es die Traumaforscher. Also weder Flucht noch Kampf, sondern nur erstarren. Trotz der immer größer werdenden Kampfarena um mich herum erstarrte ich und stand bewegungslos mitten in der krassesten Schlägerei meines Lebens. Ich bin geistig und emotional nun nicht gerade Speedy Gonzales merkte aber doch, dass meine Taktik genau die ist, die mich hier rettet. Als dann auch noch die Tür aufsprang und laut schreiende Streitschlichter mit ihren Fäusten auf die Streitenden losgingen, starb meine Begeisterung für Bud Spencer & Terence Hill Schlägereien abrupt ab. Die paar Minuten der Schlägerei kamen mir wie Stunden vor. Nachdem alles vorbei war, machten alle so weiter wie vorher. Mein Gesprächspartner gesellte sich wieder zu mir und fing wieder an über den unterbrochenen Gesprächsfaden von vorher zu reden. Erst hier wurde mir klar, dass ich versehentlich in einer einschlägigen Hooligankneipe gelandet bin. Bisher fanden in meinem Leben Schlägereien immer mit einem Vorlauf an. Jemand regt sich auf, es wird laut geschimpft und so weiter. Dies war die erste Schlägerei, die ich erlebte, die vollkommen unmotiviert und einfach so stattfand. Wobei einfach so nicht richtig ist. All dieser Erlebnisse fanden in Braunschweig statt und ich hatte einfach nur Glück heil aus den Sachen herauszukommen. Fest steht, dass ich nie wieder einen Fuß nach Braunschweig setzen werde, auch nicht, wenn dort ein Festival der Guten Laune stattfindet, bei dem nur meine Lieblingsbands spielen. Darum setze ich all meine Hoffnungen auf Martin Horn, die Festivalbühne auf dem Stühlinger Kirchplatz und den Popbeauftragten.



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