Wut und Krebs in meiner Kolumne für den März

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

Sie kennen mich ja als recht fröhlichen Kolumnisten, der mit einer ordentlichen Portion Optimismus ausgestattet ist und die Welt und das Drumherum nicht ganz so ernst nimmt. Zu meiner eigenen Überraschung stellte sich heraus, dass dies nur auf der Spitze eines Seelen-Eisberges so ist. Unter der Oberfläche lauert ein fieses Raubtier, ein sogenannter „Tyrannosaurus Fies“, der nur darauf wartet, die Lücke in der Selbstkontrolle zu finden und auf alles und jeden loszugehen. Wut ist ja das Nordkorea unter den Gefühlen. Die letzten zwei Wochen war ich vor allem damit beschäftigt, mich immer daran zu erinnern, dass mein Gegenüber nicht mein Feind ist, sondern einfach nur Pech hatte mir zu begegnen. Ich kam mir nachts, wenn ich vor Wut nicht schlafen konnte, schon vor wie Klaus Kinski in Fitzgeraldo. Mich brachte innerlich so ziemlich alles in Rage. Vor allem aber all die vielen Mitmenschen und ihre Handlungen. Ich erwägte ernsthaft, eine Paintballknarre an mein Fahrrad anzubringen und all die Autofahrer, die offensichtlich in Osteuropa ihren Führerschein gekauft haben, damit zu maßregeln. Auch wollte ich, wie bei Ben Hur, eine Reifenzertümmerungsmaschine am Fahrrad anbringen, damit die vielen Schönwetterfahrradfahrer daran erinnert werden, dass es im Straßenverkehr Regeln gibt und sie nicht allein auf der Welt wandeln. Der Wut gelang nach langer Ohnmacht das Comeback das Jahres. Und einmal aktiviert konnte ich diesem brechenden Staudamm nicht viel entgegensetzen. Die Texte, die in dieser Zeit entstanden sind, habe ich in meinen Computertresor verschoben und das Passwort weggeworfen. Allein aufgrund dieser Texte wäre ich entweder zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden oder direkt in Emmendingen gelandet.

Meine Fresse, war ich ich schlecht gelaunt. Huiiii!! Zum Glück merkte ich meinen Gemütszustand relativ schnell und griff zu einer Taktik, die Millionen von Männern vor mir schon perfektioniert haben. Ich wurde ruhig und stumm. Nicht um den Konflikten aus dem Weg zu gehen, sondern um die anderen vor mir zu schützen. An diesem Punkt sei zu bemerken, dass es sich ausgezahlt hat, mein Soziologiestudium langzeit studiert zu haben. Dieses hat meine schon recht guten analytischen Fähigkeiten zu einer Art Superkraft potenziert. Man kann diese Ausbildung zu Recht mit der Vergleichen, welche die X-Men bei Professor X durchlaufen. Wie einst Sherlock Holmes kann ich die Ursache meiner Wut recht schnell ergründen und dies möchte ich Ihnen, liebe Leser, nicht vorenthalten.
Alle zwei Monate scheitere ich an meinem sehr gut funktionierenden Verdrängungsmechanismus und werde zurück in die beschissene Krebsgeschichte geworfen. Denn alle zwei Monate bekomme ich diese scheiß Antikörper und statte meinem Ärzte- und Pflegerteam einen Besuch ab. Ich wünschte, es wäre wie ein Boxenstopp in der Formel Eins, kurz rechts ran fahren, Reifen erneuern und mit Vollgas gen Sonnenuntergang zu düsen.
Leider es ist eher so, dass jedes Mal ein Stückchen meines Optimismus stirbt und eine kalte Stelle in mir hinterlässt. Mitte Februar hatte ich also wieder einen Termin in der Onkologie mit anschließender Antikörperbehandlung. Was ich nicht wusste, dass ich wieder ultrageschallt werden sollte. Auch wusste ich nicht, dass die Onkologin meines Vertrauens nun nicht mehr in der Abteilung tätig ist und ich mit einem anderen Arzt neu anfangen musste. Ich war ja nie so der Arzt-Typ und es fällt mir sehr schwer, Vertrauen aufzubauen. Seit ich Krebs habe, schätze ich es sehr, immer mit den gleichen Menschen zu tun zu haben. Veränderungen verstören mich eher und fördern eher meine Panik vor als das Vertrauen in das System.
Zum Glück hat der neue Arzt verschlafen, so schickte man mich vor dem Gespräch zum Ultraschall. (Nach wie vor verstehe ich nicht, warum ich immer erst ein Arztgespräch und dann den Ultraschall machen soll. Habe dies ja schon mehrfach angemerkt und auch das Feedback bekommen, dass dies durchaus mehr Sinn machen würde, aber trotzdem wird es immer andersherum geplant. Wahrscheinlich möchte mir jemand durch diese kafkaeske Planung nur meine Ohnmacht aufzeigen.) Nur um Sie, liebe Leser, vorzubereiten: An dieser Stelle der Geschichte begann meine Wut, die mich die letzten Wochen begleitet, zu reifen. Leider war auch der Ultraschallarzt ein anderer, als der, den ich gewohnt bin. Dieser schmierte mich wie gehabt mit dem Glibberschladder ein und fuhrwerkte mit dem Ultraschallding auf mir rum. Am Halsbereich stockte er und wedelte mit dem Gerät aufgeregt hin und her. Was ich schon recht seltsam fand. Dann riet er mir, mit einem recht unaufgeregten, aber besorgten Tonfall: „An Ihrer Stelle würde ich einen Nuklearmediziner aufsuchen. Sie haben einen Knoten in der Schilddrüse.” What?
Nuklearmediziner. Das gibt es?
Scheißkrieg Kanonen Wut und Krebs in meiner Kolumne für den März
Hört sich aufregend und gefährlich zugleich an. Sofort bin ich im Kopf den Disneyfilm „Unser Freund das Atom“ durchgegangen. Gedreht wurde dieser in den 50ern, als Atomkraft noch mit Zukunftsvisionen belegt und sehr positiv bewertet wurde. Zum Beispiel wurden Autos und Kaffeemaschinen mit kleinen Atomkraftwerken betrieben. Ein wahnsinnig faszinierender Film. Falls Sie, liebe Leser, einen Filmausschnitt sehen wollen, ich habe ihn auf meinem Youtube-Kanal hochgeladen, um ihn für die Nachwelt zu konservieren.
Von Mutter Natur aus bin ich ja mit einer sehr langen Leitung ausgestattet und während ich den Film noch in meinem Inneren Revue passieren ließ, war ich schon auf dem Weg zum neuen Onkologen. Dieser stellte sich als enorm unvorbereitet heraus. Da ich selbst sehr oft unvorbereitet bin, erkenne ich in Lichtgeschwindigkeit andere, die sich erst in eben diesem Moment mit einer komplexeren Sache beschäftigen und versuchen, dies zu vertuschen. Das ist so ähnlich wie bei Psychopaten. Die sehen dem anderen nur in die Augen und schon wissen sie Bescheid. Allen anderen bleibt dies verborgen, aber Psychopathen erkennen Psychopathen sofort. So wie Schaumschläger andere Schaumschläger sofort erkennen. Und mein neuer Arzt schlug sehr, sehr viel Schaum. Während er mir erklärte, dass er und meine vormalige Ärztin eine wunderbare Übergabe gemacht hatten, versuchte er verzweifelt einen Überblick meiner Arztbriefe zu bekommen. Eigentlich wollte er mich recht schnell wieder auf den Beobachtungsposten setzen, auf dem ich schon seit Monaten bin und mich in zwei Monaten wieder sehen. Ich war allerdings nicht gewillt, es ihm so einfach zu machen. Also stellte ich Fragen. Es sollte schließlich ein Neuanfang werden.

Der Knoten in der Schilddrüse, den ich als Erstes ansprach, schien ihn nicht in dem Maße zu beunruhigen, wie den Ultraschallarzt. Beunruhigend fand er eher, dass meine Blutwerte nicht besser werden. Erst auf meine Nachfrage, was er denn als Ursache vermutet, meinte er in einer Selbstverständlichkeit, (die sich anfühlte wie: „Das wisse ja jeder, der das Kleine Einmaleins beherrsche“), dass es entweder so sei, dass die Chemo zu stark gewesen ist und mein Knochenmark einfach nicht damit klarkommt oder der Krebs ist back again! Da hätte ich auch echt selber drauf kommen können. Als ich dann fragte, wie man herausbekommen könne, welche der beiden Ursachen es nun tatsächlich sei, sagte er, dass man mal eine Knochenmarkspunktion machen könnte. Nun musste ich ihn mehr oder weniger überreden, dass wir das vielleicht mal machen könnten, da ich langsam echt mal Bescheid wissen will. Seit einem halben Jahr eiern wir von Ultraschall zu Ultraschall und immer sind wir besorgt um die Milz, um die Leber und nun um die Schilddrüse.
An diesem Punkt brach dann der Wutstaudamm, mit dem ich seither zu tun habe.

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Veröffentlicht am: März 11, 2017



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