Wo ist mein Schnippi in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den April

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).
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Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

wie durch Zauberhand habe ich mich über Nacht in einen fetten Koloss verwandelt. Anders kann ich mir meinen desaströsen körperlichen Zustand nicht erklären. Von Heute auf Morgen kann ich mein  nicht mehr ohne Hilfsmittel sehen. Auch wenn es schockierend ist, habe ich ein Beweisbild beigefügt, damit man eine Ahnung von meinem Ausmaß bekommt. Wenn man dieses mit dem Selbstbild der Ausgabe vom Februar vergleichen würde, sieht man die enormen Veränderungen sehr, sehr deutlich. Mir wurde übel und dies, obwohl ich in diesem Körper stecke. Im Februar war ich noch leicht übergewichtig, aber definitiv nicht adipös. Es gab, bis ich über Nacht mutierte, für mich immer fünf Fett-Stufen, in welche ich mich und andere einordnete:

1.) Wohl Genährt, 2.) Korpulent, 3.) Pummelig, 4.) Dick und 5.) OH NEIN!!.

Da ich mich nun über Nacht von 1.) Wohl Genährt in 5.) OH NEIN!! verwandelte, musste für mein Selbstvertrauen mindestens eine neue Stufe erfunden werden, die ich noch nicht erreicht habe. Diese nenne ich 6.) BITTE NICHT!! Begrifflich ist sie, wie ich finde, sehr gut gewählt. Sie beschreibt ziemlich genau das Gefühl, wenn man die Tür zur Sammelumkleidekabine im Eugen-Keidel-Bad öffnet und ein BITTE NICHT!! vor einem steht.

Es scheint sich durch mein Leben zu ziehen, dass ich auch dieses Jahr nicht zu einer Bikinifigur kommen werde und mich meine Freunde von nun an mit dem Kosenamen „Fatty“ begrüßen werden. -sigh-

Wenn ich aber so recht darüber nachdenke, kann es eigentlich nicht sein, dass ich über Nacht so viel zugenommen habe. (dramatische Musik mit Violinen)

Ich hege einen schlimmen Verdacht!

Bevor ich diesen äußere, möchte ich Sie, liebe Leser, zur Verschwiegenheit verpflichten. Meine Frau darf diesen Text niemals zu Gesicht bekommen, ja noch nicht mal davon hören. Also bitte ich Sie inständig, liebe Leser, die folgenden Zeilen als Geheimnis zwischen uns zu betrachten. Vor allem, sollten Sie es vermeiden glücklich und gut aussehende Frauen, welchen Sie vielleicht zufällig begegnen, nicht nach ihrem adipösen Mann zu fragen. Es könnte sein, dass ich dies nicht überleben würde.

wo ist mein schnippi in meiner kolumne im freiebuerger fuer den april Wo ist mein Schnippi in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den AprilFrauen zeichnen sich ja schon seit Menschengedenken mit einer wesentlich höheren Sozialkompetenz als Männer aus. Sie sind sozusagen die Babos unter den Menschen.

Meine Gattin ist mir natürlich haushoch überlegen, wenn es darum geht, ohne dass ich etwas bemerke, genau das zu bekommen, was sie will. Ich wundere mich schon länger, wie ihr dies gelingt. Anfangs glaubte ich noch, sie hätte psionische Kräfte wie Professor Charles Francis Xavier von den X-Men. Dadurch könnte sie meine Gedanken unbemerkt in die von Ihr gewünschte Richtung lenken. Diese Theorie verwarf ich jedoch sehr schnell wieder und ärgerte mich darüber, dass mir immer erst irgendwelcher Comic-Nerd-Mist einfällt. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie ein unglaubliches Gespür für Taktik und Suggestion besitzt. Da ich vor Urzeiten mal ein wissenschaftliches Studium absolviert habe, versuchte ich dieses Phänomen zu analysieren und irgendwann auszuwerten. Seit längerer Zeit beobachte ich meine Angetraute sehr genau und nehme, wie Nixon, heimlich unsere Gespräche auf. Diese transkribiere ich dann Nachts um sie anschließend zu digitalisieren und mit einem äußerst komplexen Algorithmen zu analysieren. Aus gegebenen Anlass (Fettwerdung) unterbreche ich nun die Datensammelei und beende das Analyseprogramm. Es ist an der Zeit, die Ergebnisse meiner Forschung auszuwerten, um dem Rätsel der Volumenvergrößerung auf die Schliche zu kommen.

Neidlos muss ich anerkennen, dass meine Gattin allem Anschein nach die Königin der Salamitaktik ist. Die stattgefundene Agitation fing überraschenderweise lange Zeit vor der eigentlichen Willensäußerung Gemeinsam Sport zu treiben, statt. Mit einer beeindruckenden Beiläufigkeit streut meine Angetraute Schlüssel-Sätze in ein paar unbedeutenden Bemerkungen ein. Beispielsweise lobte sie die neue Foltermaschine in ihrem Fitnessstudio, der endlich ihren Trizeps richtig trainieren würde. Vier Tage später schwärmte sie davon, wie schön sie es finde, dass ihre Schwester gemeinsam mit ihrem Partner joggen geht. Genau zwei Tage später sagte sie: „Es ist so Schade, dass wir nichts zusammen erleben.“ Natürlich widersprach ich ihr vehement, da wir nach meinem Empfinden viel zusammen unternehmen. Wir gehen Bsp. oft auf Konzerte, regelmäßig spazieren, hin und wieder was trinken und wir kochten viel zusammen. Sie seufzte und gab mir recht. Spätestens nach diesem Seufzer hätte ich Misstrauisch werden sollen.

Aber gegen Sport habe ich eine so unglaubliche Resistenz entwickelt, dass diesem Panzer der Ablehnung nichts durchdringt. Mein Totschlagargument ist, dass ich bei egal welchen Sport ich angefangen hätte, immer Rückenschmerzen wie Jesus am Karfreitag bekommen würde.

Der nächste Schritt in Richtung Beeinflussung, der mir nun erst in der Retrospektive klar wird, war eben jenes abendliche gemeinsame Kochen. Hier ging es immer öfters darum, dass ich doch ein bisschen auf das Fett beim Kochen achten könne. Kurz darauf wurden Kohlenhydrate als Teufelszeug diffamiert, was ich als Ammenmärchen abtat, da ich mein Abi in Chemie-Ernährungslehre gemacht habe. Leider verliere ich bei derartigen Diskussionen immer, weil ich irgendwann vergesse, was ich gesagt habe und was ich eigentlich sagen will. Dadurch bringe ich in mir immer alles durcheinander. Nach und nach war dann, wenn ich von Arbeit kam, immer schon das Abendessen fertig. Zudem luden die gefüllten Teller auf dem Tisch mich lecker dampfend zum Essen ein. Auch hier schöpfte ich keinen Verdacht, sondern sonnte mich in meiner Faulheit.

In den folgenden Wochen erhielt ich mehrere Werbe-Anrufe von Fitness-Studios, obwohl ich meine Telefonnummer nie herausgebe und mich fast schon paranoid im Internet bewege. Wie durch Zufall schlenderten wir beim Spazierengehen regelmäßig in Sportgeschäfte und meine Gemahlin sah plötzlich sehr interessiert TV-Sendungen in denen dicke Menschen abnehmen müssen. Hin und wieder erwähnte sie Paare, die sich trennten,  weil sie keinen gemeinsamen Fitnessaktivitäten unternahmen.

Nun da der Frühling naht und ich, wie in jedem verdammten Jahr meines Lebens, unvermittelt auf meine Körperlichkeit zurückgeworfen bin, sehe ich klarer, was dies alles bezwecken sollte und was meine Sportweigerung mit mir angerichtet hat. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen. Mir kommt ein Ereignis in den Sinn, dass sich vor drei Wochen ereignet hat und ich beinahe vergessen hatte. Seltsam, dass ich nicht schon damals stutzig wurde. Eines verschlafenen Morgens nahm ich ein sehr schweres Paket von Amazon für meine Ehefrau an. Entgegen meiner Gewohnheit öffnete ich es, weil ich mich wegen des Gewichtes neugierig wurde. Der Inhalt war ein Trichter, ein Kunststoffschlauch von einem halben Meter länge und 20 kg Flüssigbutter. Damals dachte ich an eine krude Form der Hautpflege. Ich ärgerte mich, dass obwohl unser Badezimmer schon voll mit Mittelchen und Tinkturen meiner Frau war, wir nun noch Platz für diesen großen Kanister finden mussten. Zum Glück fand meine Frau einen Platz unter dem Bett und ich war glücklich, vom Raumproblem nicht mehr behelligt zu werden. Das war, glaube ich, der letzte und entscheidende Fehler, bei dem ich extrem wachsam hätte werden müssen. Nun vermute ich fast, dass sie mir die Butter während meiner Tiefschlafphase heimlich einflößte. Ich sollte vielleicht darüber nachdenken, Überwachungskameras im Schlafzimmer aufstellen.

Wie dem auch sei, nun komme ich nicht mehr drumherum, Sport zu treiben. Und dies aus eigenem und völlig freiem Willen. Sehen Sie mich an, das geht so nicht. Gestern entschloss ich mich zu einer Diät. Mit einer Energie, die Speedy Gonzales langsam aussehen lassen würde, exorzierte meine Gattin beinahe sofort alles, was schmeckt aus der Wohnung. Sie hat ihr Ziel erreicht und wir machen nun ab morgen gemeinsam Sport. Ich habe zwar nun etwas Angst vor ihr und ihrer Beharrlichkeit, hege aber dennoch tiefsten Respekt für diesen Einsatz.

Bei meinem Versuch von ihr zu lernen und sie mit ihrer eigenen Salamitaktik zu schlagen, kam sie mir beinahe sofort auf die Schliche. Seit der ersten Präsentation des  neuen „Gillette ProGlide Flexball Power“-Rasierer bin scharf darauf und möchte den unbedingt haben. Vor allem wegen des Wortes „Power“ und natürlich dem coolen „Flexball“. Mann bin ich ein gutes Werbeopfer. Leider sind Nass-Rasierer immer mit dem Umstand verbunden, dass meine Holde die für ihre Beine und so nutzt, und es so eine Gemeinschaftsentscheidung geben musste.  Zu meinem Glück, wird es in dem Café, in dem ich arbeite, bald einen Barbier geben. Diesen Umstand nutzte ich für meine, wie ich finde, gute Argumentationskette. Sich von einem Barbier rasieren zu lassen wäre schon echt toll, sagte ich meiner Gattin, aber natürlich auf Dauer viel zu teuer. Zum Glück gäbe es da ja eine wahnsinnig innovative Erfindung im Rasierer-Buissness. Dieser würde ähnlich gut rasieren wie ein Barbier und sei im Vergleich dazu enorm günstig, log ich. Meine Frau argumentiert zu Recht, dass die Klingen ein Vermögen kosten würden, ich einen guten Rasierer besäße und die Hersteller alle Furz mit einer Pseudoerfindung um die Ecke kämen, die nichts taugt. Meine Salamis sind offensichtlich nicht so fein geschnitten, wie die ihren.

Manchmal glaube ich aber doch, dass sie Gedanken lesen kann. Es scheint so, dass wenn sie mich ansieht, ein Lexikon meiner Wünsche aufpoppt und sie sich dadurch von vornherein sehr gute Gegenargumente zurechtlegen kann. Umgekehrt ist dies, wie ich beschrieben habe, nicht der Fall. Ich habe das Tempo einer Weinbergschnecke in Vollnarkose und bin ihr so schutzlos ausgeliefert wie ein Windows-XP-Rechner den Viren.

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Veröffentlicht am: April 6, 2015



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