Urlaub und Landkrankenhäuser in meiner Kolumne für den Oktober

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

so eine Sommerpause ist auch mal schön. Man hat Zeit, sich mal nur um den Sommer zu kümmern und die geplagte Seele baumeln zu lassen. Auch eignet sich dieser Zeitpunkt perfekt dafür, mal aus Freiburg raus zu kommen und die Ferne zu erkunden. Das zumindest dachten wir uns auch und beschlossen, meine Eltern im Wurst- und Fleischwunderland zu besuchen und uns ein wenig mit regionalen Köstlichkeiten verwöhnen zu lassen. Gesagt getan. Es war auch herrlich und sehr entspannend. Leider haben wir den Fehler aller Fehler gemacht und unserer Urlaub verlängert. Just am Tag eins der Verlängerung hatte ich morgens Halsweh, mittags Husten und abends war ich dann in der Notfallaufnahme des örtlichen Kreiskrankenhauses. Das Arschloch #Immunsystem hat zurückgeschlagen und fand es eine gute Idee mir zu zeigen, dass die ganze #Chemo Kacke doch noch nicht rum ist.

In diesem Krankenhaus war ich schon als 9jähriger Bub wegen einer Hirnhautentzündung. Meine Mutter behauptete seither immer, wenn mein Verhalten nicht ihren Erwartungen entsprach, dass ich deshalb nicht normal geworden sei und seither einen Dachschaden habe. Damals war ich für mehrere Wochen in diesem Etablissement und hab nur grauenvolle Erinnerungen an den Laden. So bekam ich für eine wahnsinnig große und sehr schmerzhafte Rückenmarksspritze, als Trost und weil ich so tapfer war, ein einziges Gummibärchen. Das fand ich schon damals eine Frechheit und einen Skandal. Sie können sich vorstellen, wie vorbelastet ich war, als ich die Pforten des Krankenhauses überschritten habe. Oft ist es ja so, dass einen die Vorahnung und die Erwartung an das, was kommen mag, sehr enttäuschen. Dieses Mal war es genau das Gegenteil.

Bizarre Doktoren transportieren patient Urlaub und Landkrankenhäuser in meiner Kolumne für den Oktober

Ich glaube, man kann es in etwa so vergleichen: wenn man seine Unterhose zum dritten Mal wieder anzieht, obwohl man genau weiss, dass der Tragekomfort dadurch nicht besser wird. Vom Geruch mal abgesehen.

Auch ein wiederholtes Ausprobieren von unangenehmen Dingen führt nicht zwingend zur Akzeptanz derselben, auch wenn Psychologen mit ihren Phobiepatienten fest daran glauben. Das erste, was mir passierte, war eine Ärztin, die mich doch sehr an Catweazle erinnerte. Wobei sie zusätzlich noch schielte und einen sehr fremdartigen deutschen Dialekt hatte. Diese schien auch noch nicht so recht zu wissen, was man mit so einem #Port, der mich ja zum Cyborg macht, so alles Anstellen kann. Dieser ist rechts oberhalb meiner Brust, aber unter der Haut implantiert. Den kann man recht easy mit einer im Huberschliff versehenen Nadel anstechen und Blut rauslassen und Antibiotika/Paracetamol reinlassen. Die beiden Sachen sind bei mir sowas wie die letzte Bastion gegen Tod bei mir. Also mein Alamo, nur mikroskopisch klein.

Von der #Uniklinik bin ich es gewohnt, dass der Vorgang extremst steril gehandhabt wird. Alles wird desinfiziert, was das Zeug hält und es gibt ein Päckchen, welches nach und nach ausgepackt wird. Erst sind die Handschuhe darin steril verpackt, und wenn die angezogen sind, packt man das Päckchen Schritt für Schritt weiter aus, bis am Ende die Nadel für den Port freigelegt wird und ich angestochen werde.

In der Kreisklinik wurde der Vorgang eher simpel bzw. robuster gehandhabt. Stelle besprühen, die Nadelverpackung aufreißen, Nadel raus und ab damit auf den Patiententisch. Schnell noch die Handschuhe aus dem Handschuhhalter an der Wand und mit Schmackes rein in den Kerl. Zack fertig, Infektion, dachte ich mir recht entgeistert. Die Nadel war auch überraschend groß und stand gute drei Zentimeter von der Haut ab. So ausgerüstet musste ich sofort zum Röntgen und schwups die Diagnose Lungenentzündung. Soweit so doof. Da ich eh schon die ganze Zeit dachte, ich sterbe, war mir das auch schon egal. Männer denken übrigens bei Erkältungen wesentlich öfter an ihr Ende als Frauen. Dies hat meiner Ansicht nach biologische Gründe, da der Mann ab der vollzogenen Fortpflanzung evolutionsbiologisch nicht mehr die Familie verteidigen muss und nun nur noch für Krieg und Kaffeekochen taugt. Zurück zum Landkrankenhaus. Dort wurde ich in ein Zimmer gebracht, wo ein anderer Mann lag, von dem weder er, noch die Pflegekräfte wussten, was er denn so hat. Um meinen leichten Panikanfall an diesem Punkt der Geschichte zu verdeutlichen, muss ich Ihnen, werte Leser, erklären, dass ich zu diesem Zeitpunkt kein erwähnenswertes Immunsystem mehr hatte. Außerdem wollte in keinem Fall in der #Hohenlohe sterben. Soweit so schlimm, aber das Bizarrste kam am nächsten Tag. Ich habe ja schon viel gesehen und bin auch in der Regel sehr tolerant meinen Mitmenschen gegenüber. Klar habe ich auch Vorurteile und lebe diese auch aus. So kann ich an keinem rothaarigen Mädchen vorbei gehen, ohne sie anzupflaumen zu wollen, dass sie doch bitte etwas Zuneigung zu Charlie Braun zeigen sein soll.

Morgens findet in Krankenhäusern ja immer eine Visite statt. Pustekuchen. Die Tür ging auf und der dickste Mensch der Welt verdunkelte die Tür und trat wortlos ein. Erst wusste ich nicht so recht, wie ich darauf reagieren sollte. Im Krankenhaus zieht ein „sich Totstellen“ immer größere Konsequenzen nach sich und so verzichtete ich auf diese Reaktion und schaute diesen schwitzenden Mann einfach an. Dieser hatte die Aufgabe, mir gefühlte zwei Liter Blut abzunehmen. Wahrscheinlich um den Dorf-Vampir im Keller zu füttern. Direkt hinter ihm, also so, dass ich ihn nicht sehen konnte, da das Volumen des Ersten ihn verdeckte, kam eine kleine Gestalt aus einer Horrorkomödie zum Vorschein. Der Oberarzt. Er hatte genetisch ein höhnisches Lächeln auf den wulstigen Lippen und kniff die Augen immer wieder seltsam zusammen. Zusätzlich rümpfte er ständig die Nase, um seine Brille wieder in Position zu bringen. Die beiden waren in meinem geschwächten Zustand eine enorme Herausforderung. Noch bedenklicher war aber der Umstand, dass sie kaum mit mir redeten. Auch auf meine Frage, was ich denn nun genau hatte, wurde nicht geantwortet. So lag ich zwei Tage in meinem Zimmer und glaubte, dass ich eine Lungenentzündung hatte. Am dritten Tag wurde ich dann endlich aufgeklärt. Nein, eine Lungenentzündung hatte ich nie, das war schon am Abend der Aufnahme klar. Sie hatten nur etwas Zeit gebraucht, um einige Petrischalen anzulegen, damit sie bestimmen können, was für Zeug in mir diesen Gesundheitszustand hervorgerufen hatte. Ich bin ja nicht so wahnsinnig interessiert, was so alles mit mir los ist und wohin die Reise mit meinem Krebs geht. Aber wenn ich schon in einem Krankenhaus liege, fange ich an, durchaus echtes Interesse an meinem Gesundheitszustand zu entwickeln. Man hat da ja sonst nichts zu tun. Da wäre ein bisschen Subtext von Ärzten doch auch schön. In der Uniklinik Freiburg fühle ich mich regelrecht überinformiert, was sehr viel Vertrauen schafft. Auch wenn ich nicht mal die Hälfte dessen verstehe, was an Informationen an mich weitergereicht wird.
Die Lehre, die ich daraus geschlossen habe, ist: Ich gehe erstmal nicht aus #Freiburg weg! Keine Kurztrips und keine längeren Reisen.

Aber, um auch eine gute Nachricht zu vermelden. Ich war ja in psychologischer Behandlung und der Psychoonkologe hat mir versichert, dass ich nicht verrückt bin und ich ihn nicht brauchen würde. Das hat mich natürlich enorm gefreut und ich habe meine Frau gleich zum Wettbewerb herausgefordert, wobei Sie behauptet hat, ich hätte die Aussage nur so verstehen wollen. Ehefrauen sind auch nicht immer Freud-fähig.

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Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).

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Veröffentlicht am: Oktober 7, 2016



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