Und dann kam Polly in meiner Kolumne für den Mai

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

es ist ein Graus mit diesem Krebs. Immer wieder komm ich in größere Schwierigkeiten, da ich mich manchmal durchaus fit fühle und dann während einer Aktion, die diese scheinbare Fitness erzeugt hat, total abschlaffe. Das führt zu komischen Situationen, in denen ich mitten im Obi meine beiden 20 Kilo Kräutererdesäcke an einem unzugänglichen Ort verstecken muss, nur um sie, wenn es mir besser geht, dann mit dem Fahrrad und Hänger abzuholen. Diesen Trick habe ich übrigens während meiner Studentenzeit von erfahrenen Studenten erlernt. Da die begehrten Bücher schwer zu bekommen waren, hat man sie bei ihrem Auftauchen in ein anderes Regal versteckt und dann abgeholt, wenn die Schulden bei der UB bezahlt waren und man wieder ausleihen durfte. Ich fürchte, dadurch war ich für einen nicht geringen Teil an den hohen Kosten der UB mitverantwortlich. Aber dies ist eine andere Geschichte.

Prinzipiell misstraue ich dem Kapitalismus ja. Unter anderem schon bei der verlässlichen Zufuhr von Waren, die man begehrt. Am Beispiel von Hosen hatte ich dies schon einmal in dieser Kolumne exemplarisch vorgeführt. Am Ende sind die Sachen, die ich mich entschlossen habe zu kaufen, entweder nicht mehr lieferbar oder haben sich nicht am Markt durchgesetzt. Das passiert mir mit der Kräutererde für meine Balkonkräuter nicht. Diese wird noch genau da sein, wo ich sie im Obi versteckt habe, wenn ich wieder soweit bin. Dinge gut verstecken ist übrigens so was wie eine Superkraft von mir. Leider vergesse ich aber meist wo und lasse das Projekt dann unvollendet liegen. Wenn ich genauer nachsehe, habe ich bestimmt einen Elefantenfriedhof mit gestorbenen Projekten im Keller, wie zum Beispiel der halb fertige Knüpfteppich aus Merinowolle, das angefangene Pferd-Harlekin-Puzzle (selbstverständlich Glow in the Dark) oder der perlenbesetzte Drahtbaum.

Medizinisch hat dieses „Abschlaffen“ übrigens irgendwas mit meinen roten Blutkörperchen zu tun, Genaueres weiss ich aber nicht. Es ist ja nicht so, dass die Ärtze mir das nicht erklären. Ich bekomme von meinen Ärzten ja so was von viele Erklärungen, dass ich beinahe sofort das Erklärte wieder vergessen habe. Bei mir bleiben tatsächlich nur Schlüsselworte, von Dingen die ich nicht habe wie Schwerbehindertenausweis oder Portkatheter hängen. Die Füllwörter, wie auch die eigentliche Erklärung dazwischen dringen irgendwie nicht zu mir vor. Vielleicht liegt es daran, dass ich das was ich in mir habe irgendwie stoisch betrachte und kein tiefergehendes Interesse daran habe. Oder aber es liegt daran, dass ich den mich behandelnden Ärzten einen solchen Vertrauensvorschuss entgegenbringe, dass ich da gar nichts von wissen will. Beim Computer will ich ja auch nicht so genau wissen, wie aus den Nullen und Einsen einer dubiosen Webseite dann ein Film wird, den ich mir tatsächlich ansehen kann. Zauberzeug eben.

Abseits von ein paar Ausfällen wird es aber besser mit mir und dem Krustentier. Nun habe ich auch endlich den Behindertenausweis (50%) und fange sogar mit Reha-Sport an. So im Schnitt habe ich zwei einigermaßen gute Wochen im Monat, in denen ich mich beinahe fit fühle. Die andere Zeit ist geprägt von einer unerträglichen Langeweile. Noch nicht mal meine enorm ausgeprägte Begabung Zeit zu verplempern kann mir dabei helfen. Also, während des nun schon fünf Monate währenden Siechtums habe ich schon fast alles gemacht. Ich habe all meine Bücher, meine Comics, meine LPs und meine DVDs sortiert. Zuerst in einer alphabetischen Reihenfolge und danach mit einem sehr ausgeklügelten System in eine thematische Reihenfolge gebracht, dann nach Farbe sortiert. Anschließend, weil ich nichts mehr gefunden habe, alles wieder alphabetisch. Um Ihnen, liebe Leser, die unerträgliche Langeweile in meiner Situation zu verdeutlichen möchte ich ihnen einen normalen Wochentag exemplarisch aufzeigen. Ich bin dazu verdammt, mit dem Wecker meiner Frau um 6:30 Uhr aufzustehen. Dann bringe ich ihr einen Cappuccino ans Bett, damit sie überhaupt ansprechbar ist. Es ist nicht so, wie sie denken. Ich stehe nicht freiwillig in aller Herrgottsfrüh auf, auch nicht aus Liebe oder so. Dies mache ich nur, da man bei diesem ganzen Gesnooze und den damit verbundenen „alle 30 Sekunden auf den Wecker hauen“ (was meine Frau auch noch „Aufstehen“ nennt) nicht mehr schlafen kann. Nachdem sie zwei Cappuccino hatte, setze ich mich auf meinen Sessel und lese Zeitungen. Wenn ich damit durch bin, ist immer noch maximal 9:30 Uhr. Dann geht es los zum Blutabnehmen. Nach dem Gepikse schlendere ich auf den Markt und kauf fürs Abendbrot den Kram ein, den ich zu kochen gedenke. Ab da beschäftige ich mich bis 17 Uhr nur noch mit dem Thema Kochen. Wie traurig ist das denn! Seit vier Monaten koche ich mir nun jeden Tag, an dem es mir einigermaßen geht, den Wolf. Es gibt selbstgemachte Nudeln in unterschiedlichen Farben, Maultaschen, Quesadilla, Tacos, Chili, Curry, Eintöpfe, Salate, Suppen & Ofengerichte. Ich koche italienische Gerichte nach Regionen und neuinterpretierte deutsche Klassiker etc.. Meine Langeweile ist sogar so groß, dass ich mich auf Kochforen im Internet rumtreibe und mich mit anderen über die richtige Zusammensetzung von Apfelkuchen unterhalte, obwohl ich keinen Kuchen esse. Mir ist sogar so langweilig, dass ich angefangen habe „Game of Thrones“ zu lesen und Französisch zu lernen. Eine grässliche Qual. Ich kann noch nicht mal schlafen, um die Zeit, in der ich wach bin zu verkürzen. Um es kurz zu machen: Bei einem Krieg, der nur durch das Aushalten von Langeweile zu gewinnen ist, möchte man mich nicht an seiner Seite wissen.

Um dem ganzen Leid endlich zu entgehen, verschreibe ich mir selbst einen Therapiehund.
[Betrachten Sie bitte das Bild und stellen sich afrikanische Musik vor … Nantes ingonyama bagithi baba/Sithi uhhmm ingonyama/Nants ingonyama bagithi baba/Sithi uhhmm ingonyama/ Nants Ingonyama…..]
Sie nennt sich Polly und ist eine Bulldogge.

und dann kam polly in meiner kolumne fuer den mai Und dann kam Polly in meiner Kolumne für den Mai

Tendenziell mag ich eher größere Hunde, aber eine Französische Bulldogge ist so, als hätte man ein Kleinkind, das gleichzeitig wie eine Oma aussieht. Ihr Körper ist jung, aber ihr Gesicht ist so alt wie die Zeit. Wenn ich mir ihr Inge-Meysel-Gesicht ansehe, könnte sie definitiv gesehen haben, wie Wladimir Iljitsch Lenin die Oktoberrevolution gestartet hat. Nun ist es also vorbei mit dem Lotterleben. Tägliches Hundetraining ist angesagt, denn sonst kommt der Hunde-Exorzist Cesar Milan und macht mich mit seinen Hollywoodweissgebleichte Zähnen fertig. Ich habe nun schon viel über Hundeerziehung gelesen und alle Autoren waren sich einig, dass ich ab jetzt das oberste Ultra-Alpha-Wesen sein muss. Leider war ich dies bisher noch nie, sondern meine Frau. Nun steht mir die undankbare Aufgabe bevor, dass ich mich nicht nur vor dem Hund zum Alpha machen muss, sondern auch vor meiner Frau. Was für ein Stress.

Eine wichtige Regel auf dem Weg zum Alpha lautet, dass man als Erstes essen muss, um der König des Hauses zu sein. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass ich vier Mal am Tag vor dem Hund essen muss, ob ich hungrig bin oder nicht. Auch wenn es für Außenstehende seltsam aussieht, sollte ich dabei bewusst königlich agieren. Ich stelle mir also bei jedem Essen vor, dass ich meine Ländereien schätze, welche sich über die gesamte Dreizimmerwohnung plus Küche und Bad erstrecken. Wichtig ist wohl die königliche Haltung. Also Kopf hoch, Brust raus und Bauch rein um anschließend dann zu essen, wann ich will, solange es in den Fütterungsplan des Hundes passt. Laut Anleitung kann man auch nur so tun, als würde man vor der Hundefütterung selbst essen. Voraussetzung ist jedoch, dass man als Schauspieler gut genug so tun kann, als ob. Das ist wie Luftgitarre spielen vor Jazzgitarristen. Puhhh, ist das schwer, aber ich versuche es beständig. Vor jeder Mahlzeit von Polly, decke ich mir den Tisch mit dem Festtagsporzelan und tu ganz königlich so als würde ich essen. „Mhmm. Ist das aber deliziös. Welch Gaumenfreude!“ In der Theorie soll Polly mich nach dem Mahl mit ihrem Meister-Joda-Gesicht gelassen ansehen und keinesfalls ihre Portion einfordern. Die Hoffnung, dass Polly nicht so clever ist um diese „Berlin – Tag & Nacht“ artige Szene zu durchschauen, zerschlägt sich täglich. Mein schauspielerisches Talent lässt noch zu wünschen übrig, aber ich nehme ab nächste Woche extra Schauspielunterricht. In diesem Sinne, einen schönen revolutionären Mai.

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Veröffentlicht am: Mai 12, 2016



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