Sport und ich in meiner August/September Kolumne

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

meine Fresse, war das anstrengend. Vier Wochen Reha bedeuteten auch vier Wochen Sport!

Wie bei vielen anderen Dingen kenne ich zwar die Existenz von Sport, habe diese aber einfach ignorieren können. Nun war ich also mit der Tatsache konfrontiert, dass ich jeden Tag Sport machen sollte. Da ich bisher ja immer ein Musterpatient war, wollte ich meinen Ruf nicht durch Verweigerung gefährden und so war ich plötzlich mittendrin in einer von sportlichen Höchstleistungen geprägten Reha. Wahrscheinlich lag der Fehler auch an meinem im jugendlichen Leichtsinn geäußerten Wunsch, eine Kur für körperliche Fitness und Gewichtsverlust machen zu wollen.

Da ich vor mehr als zehn Jahren einem zweitägigen Sportanfall erlegen bin, hatte ich zum Glück noch nahezu unbenutzte Turnschuhe irgendwo im Keller bei dem unbenutzten Fahrradhelm. Diesen musste ich übrigens nur kaufen, weil meine Frau sich während der harten Winter in Leipzig immer große Sorgen um mich bzw. meinen Kopf machte. Sie bestand darauf, während der Zeit, in der die Straßen extrem vereist waren, dass ich diesen doofen Helm tragen sollte. Arbeitsweg und Winterwetter seien nicht so kompatibel, behauptete meine Frau. Den Helm setzte ich dann, um den Haussegen nicht zu gefährden, auch täglich ungefähr zehn Minuten lang auf, nur halt im Keller. Das reichte auch aus, um für die täglichen Kontrollen gut sichtbare Druckstellen zu bekommen. Aber diese Geschichte habe ich ja schon ausführlich in einer vergangenen Kolumne erzählt.

Zurück zum Sport. Ich war ganz zufrieden, wenigstens Sportschuhe gefunden zu haben, um auch anständig Sport machen zu können. Man braucht ja immer irgendwas, um irgendwo mitmachen zu können. Da ich keine Sporthose besitze, funktionierte ich meine zweimal getragene kurze Hose kurzerhand zur Sporthose um. Bis dato war ich ja nicht so der Kurze-Hosen-Träger und zog mir auch nie welche über. Das hat sich nun wegen dieses vermaledeiten Sports geändert. Beinahe jeden Tag präsentiere ich meine Beinchen der Sonne und die sind ganz froh über das Lüftchen, dass sie von unten erfrischt. Ich glaube, dass durch den Sport bzw. den Kleiderzwang zur kurzen Hose ein ähnliches Abhängigkeitsverhältnis entstanden ist, wie bei der Gesichtscreme. Jahrelang hat mein Gesicht keine Creme gekannt und auch nicht vermisst. Kurz nachdem ich aber anfing, mich einzucremen, forderte meine Gesichtshaut nach jedem Duschen plötzlich Creme. Meine Haut verhält sich wie ein Junkie, der immer mehr braucht. So ähnlich ist das auch mit den kurzen Hosen. Meine Beine vermissten nichts, da sie es gar nicht kannten. Nun hab ich mit kurzen Hosen angefangen und meine Beine fordern immer kürzere Hosen. Normale Hosen, also lange Hosen, sind häufig undenkbar geworden. Wobei „Normal“ auch eher eine Schutzbehauptung ist. Seit ich so viel zugenommen habe, passe ich nicht mehr so akkurat in meine Jeans und fühle mich eher wie ein Presssack. Trotzdem sehe ich es aber nicht ein, mir passende Hosen zu kaufen, da ich ja fest vorhabe die 13 Kilo wieder abzunehmen. Wenn dem dann so ist, würde ich ja mit viel zu großen Hosen dastehen und wüsste nicht wohin damit. Nun trage ich meine eine Outdoorhose, die im Schritt und oben einen sehr elastischen Gummistoff hat. Das sieht zwar sehr seltsam aus und man fühlt sich auch eher wie ein „Hamballe“, aber zumindest habe ich keine Angst, dass die Hose beim Bückvorgang platzt. (Hamballe= Liebenswürdiger Trottel)

Die erste Trainingseinheit war die klassische Mukkibude, und da ich klamottentechnisch ja nun TOP vorbereitet war, konnte ja nicht mehr viel schief gehen, dachte ich. In der Mukkibude stellte sich dann aber schnell heraus, dass ich wohl zu optimistisch mit meiner Einschätzung war. Zum einen über meine Fitness im Allgemeinen und zum anderen über Sport so generell als Tätigkeit. Um es mal ganz klar zu sagen: Ich mag Schwitzen nicht! Leider betrachtete mein Physiotherapeut (Trainer) Schweiß aber als positives und zwingend notwendiges Zeichen, ob eine Übung nun erfolgreich war oder nicht. So war ich gezwungen mich zum Schwitzen zu bringen, ohne dass es anstrengend war, nur damit der Trainer aufhörte, mehr Gewicht auf die Geräte zu packen.

Versuchen Sie, liebe Leser, dies selbst einmal. Schweiß aus sich herauszupressen, ohne dass es körperlich notwendig ist, fordert eine enorme Willensstärke. Auf Kommando zu weinen ist dagegen eine Übung für den Kindergarten. Aber es hat sich gelohnt. Die zu stemmenden Kilos, wurden weniger und mein Schweißfaktor mit jeder Wiederholung besser. Mein Sportprogramm ging aber weit über die Mukkibude hinaus. Sport 3 hieß mein zweites Sportevent, welches mehrmals die Woche stattfand. Dort machten wir neben klassischem Zirkeltraining, was ich in der Schule auch schon immer gehasst habe, auch Coretraining. Beim Coretraining arbeitet man mit dem eigenen Körpergewicht. Das mag sich zwar harmlos anhören, ist aber für jemanden wie mich mit meinem enormen Übergewicht die Hölle. Nach wie vor bin ich davon noch so nachhaltig schockiert, dass ich darüber nicht schreiben kann. Zu diesen ganzen Quälereien kam aber auch noch Joggen dazu. Die Bewohner rund um den Seepark hatten freitags zwischen 9 Uhr und 10 Uhr durch die Erschütterungen bestimmt den Eindruck, sie seien nicht im Seepark, sondern mitten in Jurassic Park gelandet. Für mich war Joggen so ziemlich das Schlimmste. Ich hatte von meinen frei herumschleudernden Herrentitten blaue Flecken am Kinn und meine Testikel waren durch die rhythmischen, brachialen Aufpralle meiner Fettschürze schmerzhaft angeschwollen.

sport und ich in meiner augustseptember kolumne 3 Sport und ich in meiner August/September Kolumne

Am meisten genoss ich das Fahrradfahren ohne Helm. Einen Berg hochfahren mochte ich seit jeher eh ganz gerne. Runterfahren ist aber eher nicht so meine Disziplin. Trotzdem kann man dabei das Gefühl der Initiationsriten, die man als Jugendlicher versäumt hat, bei einer Geschwindigkeit von ca. 55 km/h nachholen. Den seltsamsten Sport hatte ich allerdings, als Sport 3 einmal ausgefallen ist und ich nichtsahnend in Sport 2 gegangen bin. Dieser war in der Turnhalle der Reha und stellte sich als reichlich bizarres Tanztraining heraus. Alle Teilnehmer standen im Kreis und tanzten Sirtaki. Dazu musste man eine enorm komplizierte Beinkombination ausführen. Schummeln war nicht drin, da der Trainer ein Adlerauge hatte und sofort verbal einschritt. Der hatte übrigens auch die „Brust raus, Arsch rein“-Haltung, die Tanzlehrer oder Tänzer immer so bewundernswert macht.

Zu dem ganzen Sport kamen auch viele Sachen, die sich mit meiner Psyche beschäftigt haben. Seit ich vom Chemohaken bin, stelle ich fest, dass ich recht traurig und nachdenklich bin. Nun war ich schon ein paar Mal bei einer Psychiaterin und die wiederum meinte, dass dies auch „Normal“ sei, bei dem was im letzten halben Jahr so passiert sei. Trotzdem ist es für mich sehr überraschend, dass mich nun dieses ganze Krebsthema hinterrücks anspringt, obwohl ich ja nun erst mal aus dem Gröbsten raus bin. Ich neige ja zum Verdrängen und Relativieren. Auch habe ich es immer wie die Fischmopplatte „Männer Können Seine Gefühle Nicht Zeigen“ gehalten. Bisher bin ich damit echt gut gefahren und recht gut mit mir selbst ausgekommen. So genau wollte ich es eben noch nicht wissen, was in mir vorgeht.

Um das mal zu verdeutlichen. So richtig habe ich mich beispielsweise mit meinem fast nicht mehr vorhandenen Immunsystem eben nicht auseinandergesetzt. Ich habe weder gegoogelt, noch mich anderweitig dafür interessiert. Ich nahm brav meine Pillen und mied Orte mit vielen Menschen. Vielleicht war es auch ganz gut so und ich kann froh sein, dass ich in mir noch den dummen Bub von früher habe. Der als 15-Jähriger ohne Ahnung oder Plan und mit einer Handvoll auf der Hauptschule aufgeschnappten Englischvokabeln vier Wochen durch Europa gereist ist. Viel mehr als „Rubber“, „Pencil“ und „My name is Dirk“ konnte ich nicht sagen. Beim ersten Überfallversuch, irgendwo in der Nähe des Sherwood Forrest habe ich all meine Vokabeln nacheinander laut gebrüllt. Was zur Folge hatte, dass der potenzielle Räuber recht panisch von dannen gezogen ist. Wahrscheinlich traute er dem brüllenden, brabbelnden Trottel so ziemlich alles zu. Die von Inspector Clouseau gelernten Karatebewegungen taten wohl Ihr Übriges. Eine Lebenslektion habe ich daraus gelernt, die ich seither anwende: „Dummheit siegt und schützt.“ Aber auch, dass ich mich „Aufgrund fiktiver Ereignisse nicht in Gefahr geben sollte“, da es weder das Dorf von Asterix in der Bretagne, noch Robin Hood in England gibt. Diese Sorglosigkeit legte ich zum Teil bei der Beurteilung meines Immunabwehrsystems zugrunde. Um ehrlich zu sein, ich hatte eigentlich nur bedacht, dass ich eine Grippe bekommen könnte; dass es da doch wesentlich mehr Krankheiten gibt, die ich mir hätte einfangen können, kam mir gar nicht ins Bewusstsein. Dafür war die Reha doch sehr erhellend. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass man Herpes auch in den Augen bekommen kann und ohne Immunabwehr davon erblindet… und dies ganz ohne Onanie!

Ich hoffe, dass meine Krebs-Psycho-Sache nicht allzu lange dauert und wenn wir uns in zwei Monaten wieder hören, bei mir im Kopf alles wieder im Lot ist. Bis dahin wünsche ich eine schöne Zeit und macht bitte alle weniger Sport, damit ich mich nicht ganz so schlecht fühle, wenn ich nun wieder für immer damit aufhöre.

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Veröffentlicht am: August 11, 2016



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