Mann sein und einen Antrag machen in meiner Kolumne Februar für den Frei(e) Bürger

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll  für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg. 

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Heiratsantrag im Supermarkt

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,
ich kann Ihnen sagen, es ist nicht einfach, in der Postmoderne ein Mann zu sein. Keine Ahnung wie das früher war, aber ich glaube nicht, dass ein John Wayne ein Tutorial fürs Mann sein bekommen hat. Mir fällt das Mann sein extrem schwer, auch da es in meinem Leben keine stringente Heranführung an dieses Thema gab.
Viele Dinge muss Mann ja durch konsequentes Ausprobieren selbst herausfinden. Wie Papierflieger basteln (kann ich so lala), Jonglieren (mit drei Bällen geht), Rauchringe blasen (beim Husten kann ich es). Zum Glück nahm ich an den freiwilligen Projekttagen in der Hauptschule Gerabronn mit dem wunderbaren Titel „Von der Steinzeit bis zur Bronzezeit“ teil. Junge, Junge, dadurch kann ich wie ein Käpsele Feuer machen und auch aus Sehnen von toten Tieren einen 1-A-Bogen bauen. Dieser kann sogar einen Pfeil, mit einer aus Knochen selbst geschnitzten Spitze, einen halben Meter weit weg schießen. MAXIMUM RESPEKT für mich selbst. Leider wurde mir in der Hauptschule nichts beigebracht, was Mann wirklich brauchen kann. Ich kann kein ordentlich gerades Loch bohren, verstehe auch die Berechnung von Dübel und Bohrergröße nicht. Auch ist es mir ein Rätsel wie man mit Hilfe von Holz, Säge, Zapfen und Leim eine Schublade zusammenzimmert. In der Nachbetrachtung muss ich feststellen, dass die Hauptschule bei mir im handwerklichen Sinne komplett versagt hat. Vielleicht hätte ich auch nicht „Hauswirtschaft“, sondern „Technik und Werken“ wählen sollen.
Im Zuge des Ausprobierens gibt man ja auch viele Dinge auf. Fußballspielen zum Beispiel. Nicht ohne Grund war ich im Schulsport nur der Auswechselspieler für den Torwart und somit nie im Einsatz. Dadurch kam ich nie rein in diese Sportart. Auch spätere Versuche Teil dieser vor Männlichkeit strotzenden Gemeinschaft der Fußballfans zu werden, scheiterten eben an den Grundlagen, die nie gelegt wurden. Auf Anraten eines Fußballfans, der mein Anliegen unterstützte, war ich sogar im Dreisamstadion. Das muss 2003 gewesen sein, als der SC Freiburg gegen FC St. Pauli spielte. Trotz der intensiven Vorbereitung u.a. mit dem Regelwerk und dem auswendig lernen der Spielernummern und Spielernamen langweilte das Spiel mich zutiefst. Der Ball schien nur dazu da zu sein, trotz dieses großen Spielfeldes, links und rechts rausgeschossen zu werden. Wahrscheinlich  damit man ihn endlich mit den Händen berühren konnte. Damals stand ich im St. Pauli Fanblock eingekeilt zwischen zwei unglaublich großen, breiten und bis zur Halskrause tätowierten furchterregenden Männern. Als dann die Mannschaft aus Hamburg durch ein Eigentor ein Unentschieden erreichte, um die Partie gerechter zu gestalten, fingen diese harten Typen an zu weinen und wehzuklagen wie palästinensische Frauen bei der Beerdigung eines Hamasmitgliedes. Mein Männlichkeitsbild ist durch dieses Erlebnis nachhaltig und grundlegend beschädigt. Um nicht noch mehr Schaden anzurichten lies ich das mit dem Fußball bleiben. 
Das Ausprobieren und scheitern gehört nun mal dazu und ich kann sehr gut damit leben.
Manche Dinge probiert man wohl ein Leben lang aus und kommt zu keinem befriedigenden Ergebnis. Das Rasieren ist ein hervorragendes Beispiel. Wie dies geht, muss Mann selbst rausfinden. Gegen oder mit dem Strich? Noch heute habe ich diese Frage für mich nicht abschließend geklärt. Auch ob man mit der anderen Hand die Haut ziehen soll oder besser nicht, ist mir unklar. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass das Ergebnis nie so ist wie beim Barbier. Nun werden Sie einwenden können, dass es mittlerweile ja Tutorials auf Videokanälen im Internet gibt und Mann sich da ja schlaumachen kann. Nun, entgegne ich Ihnen, die, die ich gesehen habe widersprechen sich elementar. Auch hilft es nicht wenn ein Löw oder ein Klopp Werbung, für die ein oder andere Pflegeserie für den Mann macht. Es verwirrt eher. Rasieren ist ja nun nicht so tragisch und Mann hat ja Gelegenheit alle drei Tage zu üben.  
Leider gibt es auch einige Dinge, die Mann nur einmal machen kann, oder nur einmal den Mut dafür findet. In meinem Fall ist es ein Heiratsantrag. Wie das richtig geht, erklärt einem wirklich keiner. Seit mich mein Mädchen erwählt hat und somit mit mir zusammen  sein wollte, war mir klar, dass sie meine letzte Freundin sein würde. Im letzten Sommer reifte der Gedanke, dass entgegen meiner recht starken Neigung institutionelle Rituale zu verachten doch irgendwie Heiraten, was Richtiges und Gutes wäre. Nur wie fragt Mann denn sein Mädchen, ob es dabei mitmachen will? Wie stellt man denn eine so wichtige Frage richtig? Was wenn man es vergeigt und aufgrund der falschen Form die Antwort „Nein“ lautet? 
Weder die Hauptschule, die Metzgerlehre, die Realschule, das Ernährungswissenschaftliches Gymnasium, der Zivi noch das Studium haben mich auf das vorbereitet. Leider habe ich in meinem Fernsehverhalten konsequent Herzschmerzfernsehen verweigert. Dies rächt sich irgendwann natürlich. Kai Pflaumes Rache, sozusagen. Kurz und knapp, ich hatte keinen Schimmer wie Mann einen Heiratsantrag macht. Somit bin vollkommen unvorbereitet in die Vollen gegangen, wie sie meinem Bild entnehmen können. 
Was ich nun weiss ist, dass man einen Heiratsantrag unter keinen Umständen am Gemüseregal im Supermarkt machen soll. Egal wie sehr Mann sich auf den Boden wirft und bettelt, es kommt nicht so gut an. Merke: Zwischen Zwiebeln und Blumenkohl sollte man nicht um die Hand seines Mädchens anhalten! Auch glaube ich, dass es beim Konservenregal ebenso unpassend ist. Vielleicht ist der Supermarkt sowieso der falsche Ort. Zum Glück hat es mein Mädchen sportlich genommen, ja gesagt und mich aufgefordert, es so lange zu probieren, bis ich es richtig mache. Was ich seither auch, trotz vollem Terminkalender, wöchentlich versuche. 
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Veröffentlicht am: Februar 14, 2013



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