Konsumverhalten in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den Mai

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).
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Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

ich kann es einfach nicht fassen. Erst letztes Jahr habe ich mir für teures Geld eine neue Hose gekauft. Sie war aus extrem dickem Demin, sehr gut verarbeitet und ewig haltbar. Dies zumindest hat mir der sehr nette wie auch kompetente Verkäufer versichert. „Damit haben Sie für eine Hose entschieden, die Ihnen sehr lange Freude machen wird“ waren exakt seine Worte. Und nun?

Ende April habe ich wegen des schlechten Wetters die S-Bahn von Herdern nach Littenweiler genommen. Bei einer doch recht hektischen Umsteigeaktion am Bertoldsbrunnen ist mir eben diese Hose im Schritt gerissen. Mit einem Loch hätte ich leben können, aber der Ort dieses beachtlichen Risses war nicht zu verbergen. Dies warf natürlich sofort Fragen auf. Die erste Frage, die sich mir aufdrängte, war: „Warum denn genau an der Stelle?“ Primäre Geschlechtsmerkmale können nach jahrelanger eingehender Prüfung nicht verantwortlich gemacht werden. Die zweite Frage war, wie immer, wenn etwas Peinliches passiert: „Warum ich?“ und „Warum gerade jetzt?“

Materialermüdungen machen mir immer enorm zu schaffen. Das liegt daran, dass ich immer lange Zeit brauche, um mit Neuanschaffungen eine Beziehung aufzubauen. Umso ärgerlicher ist es dann, wenn mir dies gelungen ist, aber diese intime Partnerschaft sich dazu entschließt, das nun geknüpfte Band einseitig zu kündigt und dabei noch kaputt geht. Zum Glück hatte ich am Morgen geduscht und mich für ein hübsches blaues Unterhosen Modell mit kleinen weißen Ankern entschieden und nicht für meine geliebte aber recht schäbige Batman-Unterbuxe. Peinlich berührt versuchte ich, trotz der schicken Unterhose meine Blöße zu verdecken. Ja, ja, ich weiss was Sie, geehrte Leser, nun denken: „Ständig zeichnet er sich nackt und dann ist es im unangenehm, wenn die Unterbuxe aus seiner gerissenen Jeans rausguckt.“ Eben, dies sind genau die Wiedersprüche, mit denen ich tagtäglich leben muss und mir alles so schwer machen. Nun musste ich mir was einfallen lassen, denn das gerade eben erworbene (und wie ich finde sehr kostenintensive Straßenbahnticket) gab einen immensen Zeitdruck vor. Außerdem bleiben in der Freiburger Innenstadt für mich nicht mehr viele Läden übrig, die ich noch bereit bin zu betreten.

Beispiel gefällig?

Der erste Laden, auf meiner „Never-Ever-Visit-Again“-Liste, abgesehen vom Waffen Hirsch, war der Freiburger Karstadt. Um das klarzustellen, mich bewogen keine ethischen oder konsumkritischen Gründe dazu dieses Kaufhaus auf die Liste zu setzen. Im Gegenteil, ich wollte sehr bereitwillig meinen Konsumwunsch erfüllt wissen, ohne an irgendwas zu denken.

Es war schlicht und einfach die Behandlung, welche ich in diesem Laden am eigenen Leib erfahren musste. Ich gebe offen zu, dass das folgende Erlebnis zum Teil durch meine Unwissenheit über moderner Kaufprozesse sowie auch an meiner Unbedarftheit lag. Unterm Strich jedoch fühle ich mich immer noch ungerecht behandelt und stehe dazu, mich nicht mehr zu den Kunden dieses Konsumtempels zu zählen.

Damals war mein erklärtes Ziel eine Hose zu erwerben, die in Oberschenkelhöhe an der Seite Taschen für Krempel hat. Also eine Bundeswehrhose, die aber nicht von der Bundeswehr kommt.

Der erste Verkäufer, den ich zufällig beim zusammenlegen von Pullovern nach „Bundeswehrhosen, aber nicht von der Bundeswehr“ fragte, schaute mich an, als wäre ich ein Harzerkäse. Nach langem Kopfschütteln klärte er mich auf eine unglaublich arrogant Art und Weise über den Namen der Hose auf. Statt mir dann zu helfen, lies er mich mit der Information stehen. Da ich nicht so oft Kleidung kaufen ging, konnte ich doch nicht wissen, dass diese Art von Hosen schon einen eigenen Namen bekommen haben. Mehr noch, die haben der Hose einen total ‚tschicken Namen gegeben. Die „Cargo-Hose.“ Mit dem gelernten Namen im Gepäck versuchte ich mich in diesem großen Kaufhaus zurechtzufinden und ein Regal oder Kleiderständer zu finden, der diese Hosen aufgebahrt hatte. Nach intensiver, aber letztlich erfolgloser Suche wünschte ich mir erneut Hilfe. Durch geduldiges Ausprobieren stellte ich jedoch fest, dass sich die Verkäufer ähnlich wie Flugsand verhalten. Man entdeckt einen und kaum ist man dort, wo man ihn zuletzt gesehen hat, ist er wie durch Zauberei verschwunden. Ich kam mir vor wie Spiderman, der den Sandman dingfest machen muss. Der einzige Verkäufer, den ich dann mit List und Taktik zum stehen brachte und mein Anliegen vorbringen konnte, erklärte mir dann wie einem halbdebilen Dorf-Yeti, dass der „Shop-in-Shop“ von Sankt Oliver keine Cargohosen führe und ich doch mal den „Shop-in-Shop“ von Diesel gehen solle. Auf meine Frage, wo der denn wäre, lachte er mich aus und verschwand im Nichts. Was zur Hölle sind denn „Shop in Shops“ und wer ist dieser Diesel?

Frustriert verließ ich das Kaufhaus und war seitdem auch nicht mehr drin. Ein anderes Beispiel habe ich noch, um Ihnen meine Unfähigkeit mit modernen Einkaufsläden zu verdeutlichen. Vor etwas mehr als zwei Jahren war ich im Gravisstore gegenüber vom Crash. Da ich fand, dass diese Auswahl an Ohrstöpseln eher an die Planwirtschaft der UdSSR erinnerte als an die Marktwirtschaft, fragte ich einen jungen dynamischen Hippster-Verkäufer ob die, in der Auslage hängenden Kopfhörer alle wären, die vorrätig seien. Der Herr Verkäufer erwiderte Folgendes: “Es gibt da eine Sache, die nennt sich Internet und darin gibt es auch einen Gravisstore [… Pause und ein süffisantes Lächeln …] und da gibt es eine so große Auswahl. Dort finden Sie bestimmt was Passendes.“

Ich war fassungslos. Wie gerne wäre ich schlagfertig, gemein oder wenigstens ein  Beschwerdebriefschreiber. Bin ich aber leider nicht. Stattdessen mache ich das, was alle anderen Kundenwürstchen auch immer machen, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen: Sie schweigen und gehen nicht mehr hin. Ich bin in der Haltung nur etwas konsequenter und warte nicht zwei drei Jahre um es dann wieder auszuprobieren. Nein, wenn ich schon nicht mehr hingehe, dann mindestens auf Lebenszeit. Der Nachteil an diesem Verhalten liegt allerdings auf der Hand. Die Auswahl an Geschäften, in die ich noch bereit bin zu gehen, wird mit der Zeit extrem begrenzt. Karstadt, Gravis, Kaufhof, Douglas, Starbucks, McDonalds, Esprit, Bräuninger, C&A und natürlich H&M (um nur einige zu nkonsumverhalten in meiner kolumne im freiebuerger fuer den mai 224x300 Konsumverhalten in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den Maiennen) haben es sich schon versaut, mein Geld zu bekommen. Vielleicht liegt es auch an mir. Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll für die moderne Konsumgesellschaft. Mein Wunsch, ein Kleidungsstück zu erwerben, dass mehr als ein Jahr hält, scheint schon mal nicht möglich zu sein. Meine Frau sagt immer, dass der Verschleiss meiner Kleidung vollkommen normal wäre und es allein an meinem „Zwei Hosen und zwei Pullover“- Konzept liegt, welches ich dringend überdenken soll. Ich würde mir einfach mehr Hosen und mehr Pullover anschaffen müssen, dann würden die auch nicht so schnell kaputt gehen. Was für ein bescheuertes Argument, nur weil man eine Hose dann nicht mehr so oft trägt, sagt dies nichts über die Haltbarkeit aus.

Ich sehe nicht ein, warum man mehr als zwei Hosen benötigen soll. Wenn ich eine Hose in der Wäsche habe, habe ich immer noch eine, die ich anziehe. Was soll ich denn mit einer dritten oder gar vierten Hose machen? An die Wand hängen und anschauen? Auf dem Kopf als Federschmuck tragen?.

Zum Glück viel mir ein, dass es einen Berufsbekleidungsladen in Oberlinden gibt, bei dem ich vor meinem Umstieg auf Jeans, immer Hosen einkaufen war. Berufsbekleidungsläden sind sowieso ein Ort, an dem man nicht wie ein Neandertaler behandelt wird, sonder wie ein mündiger Kunde. Der Weg war von der Ex-MyWay-Haltestelle auch nicht weit und ich schaffte es mit allerlei seltsam anmutenden Verdeckungsversuchen recht zügig in den Laden. Dort habe ich mir eine, wie die Verkäuferin versicherte, „sehr stabile Hose gekauft, mit der ich noch lange Freunde haben werde“. Ich bin gespannt.

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Veröffentlicht am: Mai 17, 2015



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