Kolumne Juni: Chemo-Look ist das neue schwarz

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

langsam aber sicher geht mir die Geduld für die doofe Krebstherapie aus. Ich mag nicht mehr. Ich wünschte diese ganze Chemo-Soße wäre schon in mir drin und der ganze Mist wäre soweit mal vorbei. Vorbei ist in meinem chronischen Fall, durchaus etwas optimistisch, aber wer weiss schon ob und wann das wieder zurückkommt. Den Krebs, den ich mir eingefangen habe, bekommen normal nur ältere Herrschaften und ich gehe mal davon aus, dass die Ärzte darum keine Langzeitprognose für mich erstellen können. Um es mit den Worten meiner Onkologin zu sagen: „Man kann erst sagen, wie aggressiv ihr Lymphom ist, wenn es wieder auftritt“. Das wirft natürlich die ein oder andere Frage auf, etwa die, wie oft ich nun mit einer Rückkehr in den nächsten 30 Jahren zu rechen habe oder gar nach der allgemeinen Lebenserwartung. Das sind mal Aussichten. Aber für diese existenziellen Fragen habe ich nun die nächsten Wochen Termine bei der psychosozialen Krebsberatung.
Ich bin ja sehr einfach gestrickt und die Sache, die mir am meisten zu schaffen macht, sind meine Blutwerte. Zweimal die Woche um 7:30 Uhr gehe ich zum Hausarzt und lass mich vampirieren. Ab 17 Uhr des gleichen Tages weiss ich dann, wie die Werte sind und wie die nächsten Tage aussehen. Ich bekomme drei Werte gesagt, welche ich ganz brav in meinen Chemopass eintrage. Die Leukozyten waren für meine Lebensqualität bisher die entscheidenden, die wichtigen Werte. Denn an denen wird die momentane Abwehrkraft in mir angezeigt. Wenn die Leuko-Werte O.K. sind, kann ich ins Café, mal auf ein Bier in eine Kneipe oder gar auf ein Konzert gehen. Leider spielen die Werte in der Regel nicht mit. Den vergangenen Monat waren sie sogar so schlecht, dass ich kein einziges Mal offiziell weg war und meine Ärzte nun schon zum zweiten Mal die Chemo verschoben haben.
Die anderen waren mir bisher eher egal. Leider hab ich nun festgestellt, dass die Thrombozyten, die ich immer pro forma mit aufgeschrieben habe, ebenso wichtig sind. Die sind seit geraumer Zeit so tief im Keller, das ich Gefahr laufe auszubluten, wenn ich mich Bsp. in eine Kneipenschlägerei verwickeln lasse oder mit dem Nasenbohren zu weit gehe. Auch wenn ich mal auf die Werte Pfeife und auf ein Konzert gehe, um die mächtigen Seducers und die Fuzztones zu sehen, kommt die Angst, im Krankenhaus zu landen, immer mit. Beim letzten Mal kam das Fieber innerhalb 30 Minuten. Klar und heftig. Hierbei kamen mir die Möglichkeiten, die sie für mich in der der Notaufnahme der Uniklinik hatten, abgesehen vom Antibiotika und dem Paracetamol ziemlich beschränkt vor. Zum Glück habe ich gelernt, dass Angst in Alkohol nicht schwimmen kann und der war sehr leicht zu haben. Sie sehen, es ist ein Kreuz mit dem Krustentier.

Nach wie vor finde ich es schockierend, dass zu meinem Übergewicht noch eine Art Krebsverfettung hinzukam. (Plus 13 Kg seit der Krebsdiagnose + Übergewicht vor Krebs 8 Kilo= 21 Kg!) Ich habe aber auch alles dafür gegeben. Ich habe mich gezwungen meine Langeweile mit Kochen, Essen und Süßigkeiten zu vertreiben. Hinzu kam noch aktiver Bewegungsmangel und das Kortison. Trotz meiner sehr unansehnlichen Masse hält meine Frau zu mir, wie man das nur von Schwänen her kennt. Das liegt zum einen an den, in der letzten Ausgabe erwähnten, Cappuccino, welche ich ihr morgens als Aufstehhilfe ans Bett bringe, aber und vor allem an den Vesperbroten, die ich ihr nun schon seit sieben Jahren jeden Werktag mache und sorgsam einpacke. Wobei der Begriff Brot etwas in die Irre führt. Es sind eher Royale Sandwiches, welche mit immer mit frischem Salat, oft Gurke, immer Tomaten, manchmal Schinken, oder Käse, etc. und natürlich mit viel Liebe zusammenkomponiert sind. Die Belegung, wie auch der unvergleichliche Geschmack, ist von mir im Laufe der Jahre so weit verfeinert worden, dass das Brot, auch bei den reifsten Tomaten nicht vor 14 Uhr aufweicht. So nun zurück zur Schwan Metapher. Ich machte dies aus dem einfachen Grund: Sie von mir abhängig zu machen! Denn, so mein Kalkül, wenn es mal hart auf hart kommt und wir uns entscheiden können, wer von uns beiden nicht mehr arbeiten muss, habe ich ein jahrelang gewachsenes Argument im Ärmel. Nun, mein Plan funktionierte besser als gedacht und sie ist immer noch an meiner Seite, trotz Schwerbehinderung und Fettleibigkeit. kolumne juni chemo look ist das neue schwarz Kolumne Juni: Chemo Look ist das neue schwarz

Da ich mich seit Dezember den lieben langen Tag mit mir selber beschäftige, mache ich mir ernsthafte Gedanken über meinen Geisteszustand. Und ich muss gestehen: Mein Gehirn ist voll mit Unsinn!
Ich habe zwei Erste Hilfe Kurse für Kleinkinder belegt, einen Erste Hilfe Kurs für betriebliche Ersthelfer, einen für den Mopedführerschein und einen für den Pkw Führerschein, aber ich weiß nichts mehr davon. Muss ich erst in den Mund pusten und dann auf den Brustkorb drücken oder umgekehrt? Keine Ahnung. Ich könnte Leben retten, wenn ich mich erinnern würde. Aber was bleibt bei mir definitiv hängen? Der Titelsong von Tom & Jerry!
Ich dachte immer, dass wenn man alt wird, man alles Unwichtige aussortiert hat und man dadurch klug wirkt. Ab da könnte man mit Weisheiten um sich werfen, dass es einen in den Ohren klingelt. Alles, was letztendlich in mir übrig bleibt, ist Unsinn. Vom Werbejingle von Underberg bis zu der komplexen Liste von Superhelden und ihren Gegner, von um die sich keiner einen Dreck schert und niemals einen Film darüber dreht. Es vermüllt meinen Kopf. Ich baue ja auf die Stammzellen- und/oder Neuronenforschung. Könnten die nicht einfach den Underberg-Jingle mit dem Ersthelfer Wissen eintauschen, oder meine Kenntnis über Kapitän Britain mit einem echten Karate Move ersetzen. Ich will ja nur, zu dem Move, den ich mir von Polizeiinspector Jacques Clouseau abgeschaut habe, einen richtigen, einen echten können. Damit will ich einen eventuellen Angreifer zu Boden zu werfen und genügend Zeit zu haben, um wegzulaufen. Mehr will ich gar nicht. Definitiv möchte ich nicht, dass jemand stirbt, weil ich der Einzige weit und breit bin, der helfen kann und ich versuche ihn mit lustigen Simpsons-Zitaten zu erheitern, bis der Krankenwagen da ist, anstatt echte Erste Hilfe geben zu können. Wobei es bestimmt in manchen Kreisen als cool gilt mit Simpsons Sprüchen dem Gevatter Tod zu begegnen. Das nimmt dem Ganzen bestimmt die Dramatik.
Mein Gehirn lässt mich im Stich. Ich wäre bestimmt der toleranteste, profemministischte, superprotransgender, – ach was sag ich – ich wäre Proallesmenschundsexsein, wenn ich mir nur all diese Begriffe merken könnte. Ich versuche es redlich, scheitere aber immer öfters, da diese Begriffe sich so schnell verändern, wie das Passwort zu unserem geheimen Bandenhauptquartier als ich ein Kind war. Homosexualität, Bi-Sexualität, Transgender, Omnisexualität, Undwasauchimmersexualität meine Toleranz habt ihr. Ich kann nur die Begriffswixereien nicht korrekt benutzen. Typen, die diese Begriffe draufhaben sitzen in schicken Cafés und unterhalten sich über die Qualität der von Katzen aus geschissen Kaffeebohnen und essen glutenfreies Brot, das schmeckt als hätte man ein Wiesel platt gedrückt und getrocknet.

Oh.. ich schweife ab. Eigentlich hatte ich mir es als Ziel gesetzt in jeder Ausgabe die Vorteile einer Krebserkrankung darzulegen, damit Sie geehrte Leser, mit eine guten Gefühl den FREIeBÜRGER weiter lesen können.
Zu meinem 40ten Geburtstag hat mir meine Frau aus mir unerfindlichen Gründen einen Nasenhaarschneider mit einem optionalen Aufsatz für die Stutzung der Augenbrauen geschenkt. Seither lässt meine Gattin in regelmäßigen Abständen Bemerkungen in Richtung Körperbehaarung fallen. So erwähnt sie, dass ich mit meinen Nasenhaaren einen Zopf binden könnte, oder weist mich auf die “verWaigelung” meine Augenbrauen hin. Da ich trotz der Fettleibigkeit einen guten optischen Eindruck auf sie machen will, komme ich dieser Aufforderung dann im Laufe der Woche nach. Das letzte Mal fiel mir Ihre Aufforderung jedoch am frühen Morgen ein und ich setzte das Ding an meiner linken Augenbraue an. Während des Rasierprozesses wunderte, ich noch, über das Beträchtliche raspeln, dachte mir aber nichts dabei. Erst als meine Gattin mich total schockiert am folgenden Abend anstarrte, merkte ich, dass etwas nicht stimmte. Sie schickte mich ins Badezimmer und was soll ich schreiben? Die Augenbraue war weg. Ohne Kaffee sollte man sich nicht der Körperpflege hingeben. Das Malheur ist passiert ich sehe irgendwie ganz seltsam aus. Zum Glück kann ich jetzt die andere noch wegsäbeln und es der Chemo in die Schuhe schieben. Durch diesen neuen Look wird auch mein neues Selbstbild von mir vollendet. Von meinem Naturell her neige ich zu einer beeindruckenden Cran Canaria Bräune und sehe innerhalb ein paar Sonnentage aus wie Costa Cordalis das ganze Jahr. Durch den neuen Chemo-Look bin ich also meinem Selbstbild ein stück näher gekommen. Ich bin, wenn man so will genauso braun gebrannt und ordentlich rund wie eine gebrannte Mandel, nur meistens nicht so klebrig.

5/5 (2)

Please rate this

Comments

Veröffentlicht am: Juni 13, 2016



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Blogverzeichnis - Bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste
%d Bloggern gefällt das: