Kolumne Dezember: Mein erstes richtiges Interview

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll  für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren.
Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg. 

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Da dies das erste Interview für ich ist, habe ich als Ort die Küche und als Tätigkeit Kartoffelschälen gewählt. Es ist ja aus Alfred Bioleks Kochsendung bekannt, dass die Küche im allgemeinen und die Tätigkeit Kochen in der Regel eine sehr kommunikativer Kombination sein kann. Außerdem minderte dies mein Lampenfieber. Das Interview führte Tim Rocketrocker, ehemaliger Leopold Kraus Wellenkapeller, für den Freien Bürger.

Rocketrocker: Vielleicht stellst Du Dich erst mal vor.
Ich: Ich nenn mich 1234rock aber wurde auf den Namen Dirk getauft, Dirk Spannagel. Bin nun geschämte 37 Jahre, wovon ich 10 Jahre in Freiburg Soziologie und Politikwissenschaften langzeitstudiert habe. Vorher war ich vor allem mit dem zweiten Bildungsweg beschäftigt: Hauptschule, Metzger, Realschule, Gymnasium.

Rocketrocker: Wie kommst Du als Illustrator zu einer Tätigkeit als Autor beim Freien Bürger?
Ich: Na, ein richtiger Illustrator bin ich ja eigentlich nicht. Dazu bin ich zu faul. Ein Bekannter von mir, der die Redaktion kennt, fand meine Kolumne im inzwischen eingestellten Magazin Port01:Freiburg wohl so ordentlich, dass er mich dem Freien Bürger vorgeschlagen hat. Und die fanden mich auch nicht so fehl am Platz.
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Rocketrocker: Seit wann bist Du denn dabei?
Ich: Nun das wird nun die 4. Ausgabe sein, in der ich dabei sein kann. Bin auch sehr froh darüber. Ich blogge nun schon seit 2005 regelmäßig und finde, dass es an der Zeit wurde, auch gedruckt zu sein.

Rocketrocker: Du wohnst ja mittlerweile im Osten, genauer in Leipzig. Hast aber auch längere Zeit in Freiburg gelebt. Hat es Dir in Freiburg nicht gefallener, oder warum bist Du weggezogen?
Ich: Doch, Freiburg gefällt mir sehr. Zuerst bin ich der Arbeit wegen weggezogen. Während der erlebnisreichen Zeit in Freiburg hatte ich beschlossen, auch noch einen Abschluss zu machen. Am Tag der letzten Prüfung wurde ich einem Bio-Catering-Unternehmen angeheuert um eine recht große Ökomesse zu organisieren. Nach den zwei Jahren in Württemberg Sibirien wollte ich eigentlich wieder zurück nach Freiburg. Leider hab ich da keinen Job gefunden. So hat es mich an den Bodensee verschlagen und ich wurde so eine Art Sozialpädagoge. Wieder zwei Jahren später bin ich dann der Liebe wegen in Leipzig gelandet.

Rocketrocker: Bereust Du es aus Freiburg weggezogen zu sein?
Ich: Die letzten viereinhalb Jahre schon. Seit ich in Leipzig bin irgendwie nicht mehr. 

Rocketrocker: Warum, was ist in Leipzig anders?
Ich: Na es ist eine Stadt, eine große noch dazu. Die Stationen bisher waren ja eher ländlich geprägt. Leipzig hat auch den Vorteil, dass es hier viel Leerstand gibt und somit Raum hat, der wachsen und sich verändern kann. Hier ist nicht alles so fragmentiert wie in Freiburg. Eine Monatsmiete für ein Ladengeschäft ruiniert einen nicht, und so trauen sich viele etwas auszuprobieren.

Rocketrocker: Zehn Jahre in einer Stadt ist eine lange Zeit. Wie ist es für Dich, wenn Du daran denkst oder Freiburg besuchst?
Ich: Ich fühl mich in Freiburg immer noch zu Hause. Wenn ich im Stühlinger zum Bäcker gehe, kommt es immer noch vor, dass man zwei oder drei Bekannte trifft. Das empfinde ich als sehr angenehm und es kommt so was wie ein Heimatgefühl auf. 

Rocketrocker: Deine Kolumne hat ja die Überschrift: Betrachtungen aus dem Exil. Hast Du, dadurch, dass Du lange schon nicht mehr in Freiburg gewohnt hast, einen anderen Blick auf das Treiben dort? Einen anderen Blick, den Du vorher nicht gehabt hast?
Ich: Zum Teil vielleicht. Ich war ja schon immer viel unterwegs und dadurch immer ein bisschen draußen. Aus der Entfernung sieht man Dinge immer anders. Ich kenne viele, die in Freiburg kulturell Aktiv sind und die Stadt beleben. Dadurch, dass ich nicht mehr da bin, kann ich mich auch nicht engagieren und muss mich mit der Rolle des Beobachters begnügen. Vielleicht bekommt man dadurch eine andere Perspektive.

Rocketrocker: Du bist ja nicht so bekannt als Autor, sondern eher als Illustrator. Du bezeichnest Dich ja auch als Srichmännchenproduzent. Wie bist Du zum Zeichnen gekommen? Und wie zu dem Zeichen Stil?
Ich: Bleistift, Tusche und Papier, viel mehr braucht es nicht, um mich zu befriedigen. Die Bezeichnung Strichmännchenproduzent verwende ich, um dem Ganzen ein bisschen Bodenhaftung zu geben. Im Grunde sind es nur Linien, die so tun, als wären sie eine Figur. Strichmännchen eben. Ich nehme das was ich mache nicht wirklich ernst. Es ist für mich die Ausdrucksform, die mir leicht fällt und die ich schon ewig am Üben bin. Gezeichnet hab ich, hoffentlich, schon als Kind. Kann mich aber daran nicht erinnern. Der Stil ist unverkennbar Franco-Belgisch. Das waren auch die Comics, die mich seit meiner Kindheit begleitet haben. Also die Einzigen, die es in der Dorfbibliothek gab. Spirou & Fantasio, Gaston, Lucky Luke, Asterix etc.. Leider fallen mir keine Geschichten oder Gags ein, die ich zeichnen kann. Durch diese Unfähigkeit und auch durch meine Faulheit Hintergründe nicht zeichnen zu wollen, fixierte ich mich auf das Einzelbild. Da ich mich beim Zeitungslesen so oft ärgere oder denke da fehlt was, habe ich angefangen Männchen in Photos hinein zuzeichnen.


Rocketrocker: Du hast in den Ausgaben August/September und im Oktober beides mal das Thema männliches Geschlechtsorgan auf den Bildern dargestellt. Ist das Zufall, oder willst Du uns was damit sagen? Hast Du ein Problem mit dem männlichen Geschlechtsteil im Allgemeinen und mit Deinem im speziellen?Ich: Gut Frage. Öh. Hüstel. Nö. Das war Zufall und die beiden Bilder haben nichts miteinander zu tun. Fällt mir gerade selbst erst auf. 
 Rocketrocker: Du kanntest den Freien Bürger schon, bevor Du dort anfingst zu schreiben?Ich: Ja, hab den in meiner Zeit in Freiburg regelmäßig gekauft. Zugegeben, der lag dann bei uns auf dem Klo. Aber reingeguckt und ein bisschen gelesen hab ich eigentlich immer. Finde die Idee Straßenzeitung supi und hochgradig unterstützenswert. Aus diesem Grund bin ich selbstverständlich auch ehrenamtlich dabei. Das Wort Ehrenamt war mir immer ein Gräul. Es erinnerte mich immer an Sportverein oder Posaunenchor. Mit den Jahren, in denen ich mich engagiert habe, hat das Wort in meinen Sprachschatz zurückgefunden und bedeutet genau dies. Es ist mir eine Ehre was zu tun, ohne was dafür zu wollen.  

Rocketrocker: Ich lese mal den Artikel im Oktober quer. Da fällt mir auf, dass Du zwar recht schön und lesbar schreibst, aber ich verstehe den Zusammenhang nicht. Da kommt Bud Spencer, Völkerschlacht, Artikel 8 GG, Nazis, Papst, MDR, Tiki-Männchen vor. Ein breit gefächertes Spektrum. Gibt es eine Rote Line, die Du verfolgst ?Ich: Das ist richtig, wenn auch unbeabsichtigt. Leider verheddere ich mich beim schreiben regelrecht. Versuche aber immer irgendwie zum Bild zurückzukommen. Außerdem muss ich gestehen, dass ich kein Konzept habe, nach dem ich schreibe. Ich hab ein Skizzenbuch, in dem ich mir Dinge notiere, die mir aufgefallen sind. Wort-und Satzfragmente, die ich sammle. Aus diesen bastle ich meine Kolumne. So wirr der Text ist, so viele Gedankensprünge und so einfach es geschrieben ist, so bin ich am Ende auch. Letztendlich soll der Leser sich unterhalten fühlen. 

Rocketrocker: Ein letzte geografische Frage: Du hast ja lange unter Südbadenern gelebt und bist nun in Sachsen gelandet. Hast Du schon irgendwelche Unterschiede bemerkt. Ticken die Leipziger anders?
Ich: Ich war überrascht, dass hier selbst das Bäckereifachpersonal nett und freundlich gesinnt ist. Das kannte ich aus Freiburg so nicht. Was auch daran liegen mag, dass ich aus der Hohenlohe komme und der Südbadener diesen Dialekt mit dem schwäbischen verwechselt, was vollkommen falsch ist.In Leipzig ist Hochdeutsch die Umgangssprache. Was mir sehr positiv auffällt, ist die Autonome Bewegung, die hier allgegenwärtig ist. Das kommt mir ein bisschen wie ein Time-Warp vor. 

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Veröffentlicht am: Dezember 3, 2011



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