Kolumne April: Port, Port, Port und andere Behinderungen

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

mir wurde von berufstätigen Lesern, mit chronisch wenig Zeit nahe gelegt, die aktuelle Krebsberichterstattung unbedingt als Erstes in dieser Kolumne abzuhandeln. Also, bevor ich wieder Anfange mich zu verzetteln und abzuschweifen. Nichts leichter als das, auch, weil seit der letzten Kolumne wieder einiges passiert ist.
Im Moment habe ich nach wie vor meinen Chemo-Kater, der mich fest im Würgegriff hält. Was ich aus Chemo Nr. 3 lerne, ist: Jede Chemo ist anders. Letztes Mal ging es mir eigentlich nur drei Tage richtig schlecht, dieses Mal bin ich schon im fünften Tag und es wird nicht gut. Und dies nicht todkrank, wie wenn ich Grippe habe und sicher bin, dass ich sterben werde, sondern viel, viel schlimmer. Außerdem macht Krebs dick. Momentan bin ich bei plus 10 Kilo.

Zum Glück gibt es aber auch Highlights, die in den vergangenen Monaten passiert sind. Ich durfte wieder in die Röhre. YESss! Man kann sagen, was man will, aber so richtig Rundum-Durch-Untersucht fühlt man sich nur nach einer anständigen Computertomografie.

Da ich, dank meiner Mutter, welche sich nun schon zum zweiten Mal bei einem Besuch bei mir, den Fuß gebrochen hat, weiß, dass man die Röntgenbilder als DVD mitnehmen darf, habe ich versucht während der CT an nichts zu denken bzw. bei der zweiten Runde ganz intensiv an Batman zu denken.
Die Hoffnung war, dass ich im Selbststudium den Unterschied und die Regionen im Körper finden könnte, die für mein Faible für diesen Helden zuständig sind. Die Erwartung auf ein interaktives Megaerlebnis mit abschließender Erkenntnis wurden jedoch jäh enttäuscht. Die Bilder sind so langweilig, wie bedrucktes Esspapier. Der modernen Medizin fehlt es offenbar an Verständnis der Notwendigkeit von Interaktivität und bildender Kunst. Heraus kam aber auch, dass meine Lymphknoten, wie auch meine Milz kleiner geworden sind. Was wiederum bedeutet, dass die Chemo wohl anschlägt. Leider muss ich doch alle sechs Zyklen machen und nicht wie ich gehofft habe nur insgesamt vier. Leider wird es nicht so bald vorbei sein, denn die nächsten zwei Jahre werde ich alle zwei Monate Antikörper bekommen. Mann, freu ich mich jetzt schon darauf. Ach und … Trommelwirbel … „Hell Yeah!!“ ich hab einen Port….
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nun bin ich nicht nur ein vollwertiger Teil des Chemostuhlkreises, sondern auch ein kleines bisschen ein Cyborg. Nun kann ich endliche eine Chemogang aufbauen und wer weiss, vielleicht werden wir sowas wie eine eingeschworene Gemeinschaft, mit Gruppenzugehörigkeitsgefühl und all dem was ich von den vielen Jugendkulturen und Jugendbewegungen nie bekommen habe.
Der Einbau war allerdings kein Zuckerschlecken und dieses Ding tut mehr weh, als ich gedacht habe. In Freiburg werden Portkatheter in der Regel im Lorettokrankenhaus eingesetzt. Als ich von (Knast-)Herdern dahin wackelte, dachte ich noch, dass ein Krankenhaus dem anderen gleicht. Pustekuchen! Die sind da echt anders drauf, als in der Uniklinik. Auch stellte ich fest, dass man als Patient mehr Verantwortung bekommt, als einem zusteht.
Nach meinem Erwachen aus der Narkose wurde ich gebeten im Wartebereich Platz zu nehmen, bis die Röntgenmaschine bereit sei. Etwas benommen saß ich da so rum, bis mein Arzt mich aufrief und mir sagte, dass ich gehen könne. Glücklich, dass ich um das Röntgen herumgekommen bin, flüchtete ich so schnell wie möglich. Ich gönnte mir, nachdem ich gegen eine Glastür knallte, sogar ein Taxi um schneller wegzukommen. Zuhause angekommen rief mich die Klinik panisch an. Sie würden mich schon seit geraumer Zeit suchen und wir müssten dringend röntgen, ob auch alles richtig sitzen würde von wegen Gefahr und so. Da ich doch noch sehr verwirrt war, folgte ich dem Ruf ohne Widerstand und begab mich auf den Weg zurück. Diesmal aber mit der Tram. Straßenbahn fahren und etwas benebelt zu sein ist nicht unbedingt eine neue Erfahrung für mich. Da ich fast nie Tram fahre, war mir die Vehemenz neu, mit der Omas ihr vermeintliches Recht auf einen Schwerbehinderten-Sitzplatz verteidigen. Benommen, wie ich nun mal war, beobachtete ich wie eine sitzende Oma mit einem Herrn sich um den Sitz hinter dem Fahrer stritt. Dieser Herr konterte sehr elegant mit einem Schwerbehindertenausweis. Die Oma führte ihre Gehilfe als Argument an und der Herr die Prozentzahl seiner Behinderung. Augenblicklich hatte ich den Wunsch, ebenfalls einen solchen Ausweis zu erwerben, um eine Trumpfkarte gegen vehemente ältere Damen in der Tasche zu haben. Vielleicht lag es an den Betäubungsmitteln, aber ich hatte den Eindruck, dass der Ausweis leicht silbern schillerte wie das Schwert von Link bei Zelda. Als ich dann nach dem Röntgen auf dem Weg zurück vom Lorettokrankenhaus war, brodelte es in mir und ich kam zu dem endgültigen Schluss, dass ein Behindertenausweis das coolste ist, was ich je bekommen würde. Genau so simpel, liebe Leser, bin ich gestrickt. Wenn auf einer Cornflakespackung versprochen wird, dass eine Comicfigur gratis in der Packung enthalten sein würde, kauf ich die, obwohl ich keine Cornflakes esse. Wenn ein Postkatheter einen aussehen lässt wie ein Cyborg, muss ich auch einen haben, und wenn man mit einem Schwerbehindertenausweis wedeln kann wie mit einem Schwert, dann… eben … dann brauch ich auch einen. Zuhause angekommen versuchte ich mir einen Überblick zu verschaffen, wie und wo man denn einen Behindertenausweis bekommen kann. Zum Glück habe ich durch die Krebserkrankung die besten Voraussetzungen für eine anständige Behinderung. Auch der Antragsweg scheint nicht sonderlich komplex zu sein. Die Erkenntnisse der Recherche sind die Momente, wo sich mein Studium doch auszahlt. Allerdings, ob man nach seiner Bewerbung eine amtliche Behinderung bekommt, ist im Vorfeld noch seltsam ungewiss. Es ist ein bisschen wie beim Bachelor, wo es keine Sicherheit gibt und man auch nur auf die nächste Rose hoffen kann. Egal. Weniger egal sind die Ergebnisse der Landtagswahlen.

Der kleine Mann hat gewählt und er hat sich für die AfD entschieden. Die Partei, die sich neben all den widerlichen rassistischen und menschenverachtenden Äußerungen auch gegen den Mindestlohn und gegen die „Reichensteuer“ einsetzt. Das Deutschland leicht entflammbar ist, weiss man schon seit den 90ern. Auch erschreckt man alle zwei Jahre wieder, wenn die Uni Leipzig ihre Studie mit dem schönen Titel: „Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“ vorlegt über den hohen Prozentsatz derer in diesem Land, die Ausländerfeindlich (18,1%) Chauvinistisch (13,6%) sind oder sich Abwertend gegenüber Flüchtlingen (55%- 76%) äußern.
Dies ist keine neue Entwicklung, sondern eine, die sich immer wieder verfestigt. Auch sollte man sich nicht einreden, dass der Stammtisch mit all seinen rassistischen Äußerungen in Bernau oder Zähringen sich großartig von dem im Bautzen oder Bitterfeld unterscheidet. Soweit bekannt und darum auch so wenig Verwunderlich. Traurig macht es mich trotzdem.
Aber etwas hat mich doch überrascht und das war eine der Begründungen für den erschreckenden Erfolg der AfD am Wahlabend. Die Wahl einer antidemokratischen Partei läge daran, den etablierten Parteien einen Denkzettel zu verpassen. Das ist so, als würde man zum Salat essen zu  McDonald’s gehen. „Hier nimm das Fleischindustrie“. Leider lesen zu wenig Menschen die Apotheken Umschau. Diese hat in der Ausgabe März eine Lösung für all die Idiotenwähler gefunden. Wer einen wirklichen Denkzettel verteilen will, muß die Regierungschefs wiederwählen. Denn dieses Fachblatt für Politikgestaltung hat zum Super-Wahl-Monat eine Studie zitiert, welche wiederum herausgefunden hat, dass die Lebensdauer von Regierungschefs gegenüber ihren unterlegenen Konkurrenten um 2,7 Jahre kürzer ist.
Ergo, wenn man schon etwas gegen Politiker hat, dann wäre es doch sinnvoll, diese auch zu wählen, damit sie früher sterben. Und je öfter die gewählt werden, desto früher werden sie zwangsläufig sterben müssen.

#freiburg #krebs #krebsberichterstattung

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Comments

Veröffentlicht am: April 8, 2016



4 Antworten zu “Kolumne April: Port, Port, Port und andere Behinderungen”

  1. Martina Schepperle-Kästner sagt:

    Hallo Dirk ich lese so gern dein Blog.
    Ich denke oft an dich und wünsche dir ganz viel Kraft und werde wieder gesund

  2. Wolfram sagt:

    Lieber Dirk,
    Ich wünsche dir viel Kraft, damit du bald wieder gesund bist. Denke an das Bier im Trinkteufel, dass wir nach erfolgreicher Behandlung uns reinkippen werden.

    Ich habe eine Idee. Vielleicht kannst du zur Reha nach Kreuzberg 36 kommen? Zugegeben, die Luft ist nicht so gut, es ist auch alles andere als ruhig, aber es gibt viel zu trinken. Und man soll doch viel trinken wenn man gesund werden möchte. (Über die Frage was man trinken soll und was nicht können wir zu gegebenen Zeitpunkt sprechen. Kleinigkeiten sollen uns jetzt nicht die Stimmung betrüben)

    Was meinst du?

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