Im trüben Fischen in meiner Kolumne Dezember für den Frei(e) Bürger

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,
der Dezember ist ja traditionell der Rückblick- und Besinnungsmonat und es war ja auch wieder ein aufregendes Jahr. Es gab Anschläge, Naturkatastrophen, Wahlen und auch neue Könige oder Königskinder. In Kürze würde ich sagen, dass der Peer es vergeigt hat und die FDP endlich der APO angehört, sofern es die APO und/oder die FDP denn noch gibt.
Aber dieser Monat ist auch immer die Zeit, in der komische Bräuche und Gruppendinge gemacht werden müssen. Weihnachtsmärkte sind da so ein Beispiel. Ich kann nicht begreifen, wieso man bei schlechtem Wetter, also kaltem Wetter, im Freien, also draußen, völlig überteuerten Reibekuchen essen und dies dann auch noch gut finden soll. Vielleicht hat mir das jahrelange Arbeiten am Bio-Glühweintresen auf dem mittelalterlichen Weihnachtsmarkt in Esslingen, diese Art von Volksaufläufen so verätzt, dass ich bestimmt noch die nächsten 30 Jahre auf den Besuch eines Weihnachtsmarktes absolut verzichten kann.
Nebenbei bemerkt war ich echt gut im verticken von Glühwein. Der Vorteil ist, dass man sich als Verkäufer so richtig ins Zeug legen kann und unbedarfte Passanten so was von Überreden darf einen zu heben, dass die Jungs von Vorwerk neidisch werden würden. Leider gab es, wie überall, auch hier Schattenseiten. Ich greife mal wahllos einen Schatten heraus. Ü55-Kegeldamen! Der Horror sind Gruppen ja sowieso. In meinem Fall war es ein Kegelclub aus Bottrop, der mich das Grauen lehrte. Die Damen schlichen sich in sicherem Abstand an den Glühweinständen vorbei und warteten auf ihre Gelegenheit. Man beobachtete sich gegenseitig. Für mich waren es Kundinnen. Für sie ist man im besten Fall Hofnarr, im Schlimmsten, Abzocker. Da ich nun offensichtlich in ihr Beuteschema passte, kam im Laufe eines von mir initiierten Besäufnisses, tief empfundene Angst in mir auf und ich war mir sicher, dass die ein oder andere bald über den Tresen springen würde, oder alle mich einpacken und in ihren Bus verschleppen würden. Daher sollte man sich im Vorfeld immer genau überlegen, welche Reaktion die eigene Aktion herbeiführen kann. Wie die Geschichte endet, werde ich vielleicht nächstes Jahr an gleicher Stelle erzählen.
Zurück zum Thema Aktion/Reaktion und vor allem Dezember, sonst schaffe ich diesen abenteuerlichen Bogen nicht mehr. In diesem Monat werden auch fast vergessene Lieder auf der Blockflöte vergewaltigt und Gedichte für den Weihnachtstag geübt, die dann unter dem Baum vorgetragen werden. Dieses Jahr fühle ich, dass ich genötigt werde mitzumachen. Mein Mädchen hat sich im Internet einen schwarzen Plastiktannenbaum bestellt. Schock! Sofort gehen alle Alarmglocken an, denn sie will den Baum bestimmt auch benutzen. Erfahrene Leser dieser Kolumne kennen meine Abneigung gegen Weihnachten aufgrund des Pelzmärtels, der Kirche aufgrund von Kirchentagen und Bräuche im Allgemeinen. Tja, und so ist es eben auch mit Plaste-Bäumen.
Wenn ich aber eine Sache in meiner kurzen Ehe gelernt habe, dann, dass man hin und wieder großzügig nachgeben muss. Zum einen, um die Kräfte für die wichtigen Kämpfe aufzusparen (Stichwort „Pick your Battles“) und zum andern, aus strategischen Gründen. Es hilft enorm, die Truppen des Gegners in Sicherheit zu wiegen und deren Vorankommen zu fördern, um sie in die gut vorbereiteten Hinterhalte zu locken. Leider bedeutet dies auch, dass man ein paar Dinge einfach mitmachen und seinen natürlichen Widerstand unterdrücken muss. Da ich noch nicht weiss, was mein Mädchen mit dem Baum anstellen wird und welche Rituale nun vollzogen werden müssen, habe ich mich trotzdem schon mal ein bisschen vorbereitet. Das Vorgehen ist immer das Gleiche. Es muss mir in jedem Fall auch Spass machen, mich aber in dem etwaigen Erwartungshorizont nach ganz hinten katapultieren. Diese Taktik hat schon öfters problemlos funktioniert. So muss ich beispielsweise nie mehr auf Arbeit den Weihnachtsmann spielen, da ich wohl trotz ehrlicher Bemühungen meinerseits einer der schlechtesten Weihnachtsmänner gewesen sein muss, die je gesehen wurden. Auch darf ich keine Hühnersuppe mehr kochen, Wäsche aufhängen oder gar waschen. Aber zurück zum vermutlich drohenden Ereignis, welches schon im Keim erstickt werden muss, sonst breitet sich dies aus wie ein Pilz in feuchter Umgebung.
Zum einen habe ich mir schon ein sehr schönes Gedicht ausgesucht, welches ich recht fein vortragen könnte. Natürlich eins von Bertolt Brecht:
Ach wir hatten viele Herren

hatten Tiger und Hyänen
hatten Adler, hatten Schweine

doch wir nährten
den und jenen.
Ob sie besser waren oder schlimmer:

Ach, der Stiefel glich
dem Stiefel immer

und uns trat er. Ihr versteht: ich meine
dass wir keine andern Herren
brauchen, sondern keine!

aus “Die Ballade vom Wasserrad“ von Bert Brecht
Morgen gehe ich los und werde mir eine leider schlecht und schräg gestimmte Blockflöte besorgen und damit versuchen „Lauda Tussiiiiii“ zu schmettern. Wenn dann alles gut läuft, werde ich mit solchen Bräuchen nie wieder behelligt.
Nun noch was in eigener Sache.
Liebster Leser,
seit nun beinahe 2 ½ Jahren versuche ich, monatlich, etwas Lesenswertes für Sie an dieser Stelle niederzuschreiben. Mit dem Verlust der Arbeitslosigkeit, der steigenden Arbeitsbelastung durch Verantwortungsübernahme in der Kinder- und Jugendarbeit und dem großflächigen Abarbeiten von Themen in den nun schon 25 Kolumen, fällt es mir jeden Monat schwerer etwas Ansprechendes für Sie zu finden. Erschwerend kommt hinzu, dass ich nicht in Freiburg wohne, sondern in Hypezig ähh … Leipzig. Das sind grob 645 km die zwischen uns stehen und denen wir gemeinsam entgegen treten müssen.
Jede gute Idee, jede verwertbare Nachricht aus Freiburg wird von mir verwurstet und mit einer dazu passenden, handsignierten Zeichnung gehuldigt. Außerdem winken natürlich Ruhm und Ehre, in dem der oder die Ideengeber auf Wunsch in dieser Kolumne erwähnt werden. Das ist doch mal was. Lasst mich nicht weiterhin im Trüben fischen oder auf dem trockenen sitzen. Werft mir Fische zu, damit ich nicht alleine einfältig rumangeln muss. Also einfach die Weihnachtseele baumeln lassen, zu Stift und Papier gegriffen und schreiben.
im trueben fischen in meiner kolumne dezember fuer den freie buerger 300x216 Im trüben Fischen in meiner Kolumne Dezember für den Frei(e) Bürger
Im trockenen fischen
Foto dieses Mal: Luise Zorn

Bitte per E-Mail an 1234rock@gmail.com. 
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Veröffentlicht am: Dezember 19, 2013



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