Freiluftsaison oder der Krieg gegen die Jugend in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den Februar

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).
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Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

vor ein paar Tagen hat das Statistische Bundesamt wieder tolle Zahlen veröffentlicht. Erfahren habe ich davon aus der Badischen Zeitung, der seriösen Tageszeitung, welche bei mir (auf Arbeit) immer ausliegt. Als ausgebildeter Soziologe bin ich natürlich immer heiß auf die neusten Statistiken. Sehnsüchtig warte ich auf die neusten Erkenntnisse. Da ich so viele Handlungen von Menschen nicht verstehe, will ich unbedingt wissen, wie das Volk aussieht, denkt und handelt. Manchmal liegt das Meinungsbild soweit weg von der Realität, dass man Statistiken benötigt, um diese wieder gerade zu rücken. Manchmal ist es aber auch genau umgekehrt. Klar kommt es auch darauf an, wer welche Statistik macht. Wenn beispielsweise die Ärztekammer eine Statistik über die Krankenkassen machen lassen, sieht das Ergebnis anders aus, als wenn die Krankenkassen eine Statistik über die Ärztekammer macht. Statistiken hängen immer von der Fragestellung und der Interpretation der Zahlen ab. Die Brecht-Mutter-Courage-Interpretation im Beruflichen Gymnasium, in dem ich war, führte ja auch nicht zu einem einzigen Ergebnis. Wobei, heute  wäre dies vielleicht schon so, da es auf dem flachen Land ja nun auch Internet gibt. Davon aber mal abgesehen, ist das Statistische Bundesamt bzw. deren Mitarbeiter schon reichlich seriös und werden bei Zahlenjunkies hinter vorgehaltener Hand respektvoll auch „The NUMB3RS“ genannt.

Was aber mit Zahlen passiert, die nicht so recht in das Bild des Verwursters passen wollen, ist jedoch häufig nicht seriös. So werden beispielsweise statt Prozentzahlen, mit denen man im Zeitungs-Artikel die ganze Zeit agierte plötzlich Fallzahlen, wenn es einem nützt.

Liebe Leser halten Sie sich fest, es wird wahrlich skandalös. Jeder fünfte Jugendliche betrinkt sich einmal im Monat! Schockschwerenot! Der Aufmacher in der Badischen Zeitung zu diesem Thema war übrigens “Jugendliche saufen weniger exzessiv“ (Mi, 11. 02. 2015). Das Totschlagargument für Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen ist ja immer das „Komasaufen“ und wird an den Einlieferungen wegen Alkoholvergiftungen im Krankenhaus gemessen. Just in diesem Moment werden die Fallzahlen hervorgekramt und die enorme Zahl von 23 300 Kinder und Jugendlichen genannt. Um mich aus dieser Schreckensmeldung zu erholen, hab ich mir die Altersgruppe mal genauer angesehen. Jugendliche werden für diese Statistik vom 10-Jährigen bis zum 19-Jährigen gezählt, was schon eine beeindruckende Altersgruppe ist. Ich habe mir mal die Mühe gemacht und die aufgeführten Alterskohorten zusammengezählt und mittels hochkomplexem Dreisatz eine Prozentzahl ermittelt. Bundesweit sprechen wir da von 0,296% der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung ins Krankenhaus kommen. In Baden-Württemberg sogar von 0,284% aller so definierten Jugendlichen. Warum die 16-19-Jährigen, also die, die vollkommen legal Alkohol trinken können, zusammen mit den 10-15-Jährigen verpackt werden, erschließt sich mir weder aus dem Artikel der Badischen Zeitung, noch aus der Meldung der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung, deren Pressemitteilung die Initialzündung des Artikels war. Die einzige Erklärung, welche mir einleuchtet ist, dass man durch das Mitzählen der Jüngeren die Dramatik steigert. Ich selbst kann mich übrigens an kein Wochenende zwischen 16 und 19 erinnern, an dem ich nicht versucht habe mich zu betrinken. Wenn man ganz ehrlich ist, sollte man in einem Artikel über Alkoholmissbrauch auch schreiben, dass die schlimmsten Komasäufer die 45-54-Jährigen sind.

freiluftsaison oder der krieg gegen die jugend in meiner kolumne im freiebuerger fuer den februar Freiluftsaison oder der Krieg gegen die Jugend in meiner Kolumne im FREIeBÜRGER für den Februar

Seit geraumer Zeit habe ich den Eindruck, dass ein versteckter, aber durchaus präsenter Krieg gegen Jugendliche geführt wird. Die Diskussion in Freiburg um den Augustinerplatz, das sogenannte Bermudadreieck, die Schwierigkeiten beim ehemaligen Kamikaze und seit Kurzem die „Wir“-Initiative, gehen alle in eine Richtung. Alle wollen jugendlich wirken und möglichst nicht altern. Aber irgendwie sind reale Jugendliche dann doch in echt nicht cool und sollten lieber zuhause bleiben und fleissig lernen, damit sie später unsere mageren Renten zahlen können.

Leider hat dieser Krieg gegen Jugendliche auch Auswirkungen auf mein ganz privates Leben. Wie Sie alle Wissen darf Bsp. ein erwachsener 40-jähriger Mann, wie ich, nach 22 Uhr kein Alkohol mehr „to-go“ kaufen, auch wenn er sich das in anderen Bundesländern so angewöhnt hat. Weder an Tankstellen, noch im Supermarkt oder am Kiosk bekommt man sein liebgewonnenes Wegbier. Seit 01.03.2010 geht das nun schon so und ist im Gesetz über die Landeröffnung in Baden-Württemberg (LadÖG) § 3a (1) festgezimmert. Das den schönen Beinamen „Gesetz zur Abwehr alkoholbeeinflusster Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung während der Nachtzeit und zum Schutz vor alkoholbedingten Gesundheitsgefahren“ hat. Diese Regelung sollte „jugendliche Saufgelage“ eindämmen. Zu dieser Zeit arbeitete ich gerade in Singen am Hohentwiel und war dort in einem Jugendtreff als Konzertkultur-Ermöglicher tätig. Der Krieg gegen Jugend äh…. Alkohol wird dort mit einer anderen Klinge geführt. Dort nennt sich die Speerspitze dieser exklusiven Prohibition „b.free“ und ist ungefähr so cool wie eine Mischung aus Ralph Wiggum und Steve Urkle. Für b.free ist Alkohol trinken so ziemlich das Böseste, was man tun kann. Hinter denen stecken u.a. der Rotary Club. Menschen also, die Geld haben und Gutes tun wollen. Böse Zungen behaupten, dass da das ein oder andere Mitglied in Ruhe an seiner Villa am Bodensee im Garten liegen will, ohne den Lärm der Jugendlichen Partypeople am Ufer hören zu müssen. Und darum der Alkohol dämonisiert wird.

Nicht viel anders ist es in Freiburg. Ich war im November auf einer Veranstaltung, bei der die Leiterin des akim (allparteiliches Konfliktmanagement in München) über ihre Erfahrungen mit dem Gärtnerplatz in München, einem Platz, der ganz ähnlich des Augustinerplatzes ist, sprach. Die Münchner gehen dabei einen vollkommen neuen Weg, um den Konflikt mit den Anwohnern und den Menschen auf dem Platz zu bändigen. Sie reden mit denen die auf dem Platz sind, außerdem sind sie per Telefon direkt am Platz für die Anwohner erreichbar. Crazy! Und noch Verrückter es scheint zu funktionieren. Und das mit echt wenig Geld im Vergleich zum KOD. Was mich an diesem Abend aber wirklich beeindruckt hat, war die Haltung, der Lärmgegner. Für die gibt es keinen Kompromiss. Keine Lösung abseits der Platzräumung nach 22 Uhr, am besten noch früher.

Es scheint so, dass die Freiburger zwar in einer schönen und attraktiven Stadt leben wollen, aber so ungefähr um 20 Uhr sollte doch jeder wieder in seinem Zuhause sein und endlich Ruhe geben.

Konsequent strebt die Stadt diesem Ideal entgegen, was am Beispiel des Umbaus des Rotteckringes zu sehen ist. Hier zeigt Freiburg, wo es hingeht um für die nächsten Jahrzehnte zukunftssicher zu bleiben. Es wird aus dem Platz der Alten Synagoge eine Rollatorfreundliche Betonwüste erschaffen, die die Überalterung der Gesellschaft ernst nimmt. Es sind fast keine Sitzplätze zu sehen, da diese durch die flächendeckende Verbreitung von Flanierraupen unnötig geworden sind. Auch hat man optisch daran gedacht, das gesellschaftliche Phänomen RETRO mit zu verbauen. Alles was in den 50er, 60er und 70er Jahren benutzt wurde ist heuer ja echt cool. Darum wird der Platz zukunftsreicher mit dem Gold der vergangenen Epochen ausgefüllt:

Beton.

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Veröffentlicht am: März 17, 2015



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