Extrem Cocooning und Boreout in meiner Kolumne Oktober für den Frei(e)Bürger

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).
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Ein fröhliches Aloha liebe Leser,
der Umzug liegt hinter mir und ich bin wie zu Beginn meiner Kolumne im Jahr 2011 wieder arbeitslos. Gerade da ich diese Stadt aus meiner Vergangenheit heraus kenne, bin gespannt wie ein Flitzebogen, was Freiburg dieses Mal so alles für mich bereithält. Wenn ich die Badische Zeitung der letzten Monate so überfliege, bekomme ich den Eindruck, dass es hier von Kriminellen nur so wimmelt. Not-Go-Area im Stühlinger Park, Überfälle am heiligten Tag im Bahnhof, Wildpinkler in der Innenstadt und dann all dieser Lärm, den die Nachtschwärmer so machen. Als frisch sozialisierter Ossi ist mir die Mauer um den Bertholdbrunnen natürlich auf das Gemüt geschlagen, ebenso wie der UB-Prachtbau mit seinem Blendeffekt am Rotteckring. Neben all der Badischen Gemütlichkeit scheint Freiburg sich zur gefährlichsten Stadt der Welt zu entwickeln, da kann Los Angeles oder Bagdad natürlich bald einpacken. Dagegen muss man doch was unternehmen. Ein kleiner KOD reicht da, glaube ich nicht aus. Law-and-Order wäre ein Ansatz. Holt die Broken-Windows-Theorie wieder aus der Mottenkiste und Salomon kann ja durchaus den Rudolph Giuliani in Grün spielen. 
Wie es sich für meine neue Lebenssituation geziemt, halte ich mich da natürlich vollkommen raus. Da ich nun ja viel Tagesfreizeit habe, musste ich mir neue Hobbys suchen, um meiner wachsenden Langeweile entgegenzuwirken. Hierfür wollte ich einfach mal ein paar Sachen ausprobieren, die ich die letzten Jahre nicht wirklich beachtet habe. Für den Monat September habe ich mir vorgenommen, mal zu sehen, wie weit man mit Extrem-Cocooning gehen kann. Das macht ja auch irgendwie Sinn bei den veränderten Rahmenbedingungen. Neue Wohnung, neue/alte Stadt, vierzig geworden, arbeitslos. Nach all den Jahren des aktiven Mitgestaltens in Leipzig ziehe ich nun mich erst mal ins Private zurück. Der Duden hat mich übrigens auf dieses Hobby gebracht. Cocooning beschreibt ein Zurückziehen in die eigenen vier Wände. Inclusive Onlineshoppen und Lieferdienst. Sich einigeln in einen eigenen kleinen, überschaubaren, selbst geschaffenen Mikrokosmos, der die böse, komplexe, stressige Welt außen vor lässt. Hiefür muss man sich eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber der Welt um sich herum zulegen und sich vor allem ständig „Nicht-Zuständig“ fühlen. Seit dem ersten September versuche ich mich also nun im Cocooning, und ich kann ihnen, liebe Leser, versichern, das ist gar nicht so einfach. Die ersten Tage wurde ich immer wieder aufgefordert auf dies oder jenes Konzert zu gehen, da Freiburg ja zu allem übel auch Rock-City ist.
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Im Rosa Morgenmantel in Freiburg

Die Herausforderung war, Menschen dazu zu bringen mich nicht mehr dabei haben zu wollen, damit diese mich nicht mehr verleiten irgendwo hinzugehen. Hierzu setzte ich optisch ein Zeichen. Mein ständiger Begleiter ist nun mein non-stop getragener rosa Bademantel. Je nach Betrachtungswinkel bin ich zwar für die einen ein bös cooler Trendsetter, während die anderen nur verständnisvoll nicken, wenn ich aus dem Haus gehe. Aber für meine Freunde ist dies ein NoNo. Damit der Bademantel am Ende nicht doch noch toleriert wird, wasche ich mich seit dem 6. September, meinem 40sten, nicht mehr. Weder hinter den Ohren noch die Zähne und schon gar nicht den Pullermann. Auch meine Fuß- und Fingernägel lasse ich erst mal fröhlich wachsen. Geruch und Optik sind die Waffen gegen einen überdurchschnittlich toleranten Freundeskreis. Ein paar klägliche Versuche gab es zwar trotzdem auch in den letzten Tagen, die konnte ich aber im Keim mit den Worten „Komm doch erst zum Essen bei mir vorbei“ abschmettern. Entgegen meiner Erwartung ist nicht der Geruch oder der mittlerweile speckige Bademantel der Grund dafür, sondern mein Hautauschlag. Der ist bereits doppelt so groß wie das Feuermal von

Gorbatschow und trägt den erwartungsfrohen Namen Saarland. Ich glaube, wenn nicht offen Eiter aus dem Saarland laufen würde, würde es fast nicht auffallen. Soweit so erfolgreich. Wobei ich nun Mitte des Monats ehrlicherweise gestehen muss, ich bin froh, wenn der Monat vorbei ist und ich mir ein neues Hobby suchen muss. Nicht so sehr wegen des Juckens oder meines Gestankes sonder in erster Linie wegen der unkontrollierbaren Langeweile, die sich trotzdem manifestiert hat. Boreout nennt dies der Fachmann. Meine Frau hatte immer die Befürchtung, dass ich noch einmal ein Burnout bekomme, aber dass ich schon im ersten Monat meiner Arbeitslosigkeit unter Boreout leide, kam vollkommen unerwartet. Boreout ist sozial ja auch nicht so richtig anerkannt, wobei die Folgeerscheinungen durchaus gravierend sind. So habe ich trotz der enormen Anstrengung, die das Cocooning von mir gefordert hat die klassischen Symptome eines Boreout-Kranken entwickelt. 

Müdigkeit – Check. Hab ich, und wie. Stehe zwar immer noch zwanghaft um 06:30 Uhr auf (senile Bettflucht), bin aber auch oft echt richtig müde. Vor allem gegen spät abends. 
Lustlosigkeit – Check. Ich habe keine Lust mehr zum Fernsehglotzen, was ich sonst echt immer hatte. 
Gereiztheit – Check. Hab ich, ich bin gereizt wie ein Eichhörnchen im Winter mit Tendenz zum Futterneid.
Frustration – Check. Hab ich, mich frustriert mein Selbstversuch so dermaßen, dass ich mich schon heimlich waschen wollte. 
Ach und ein paar Anzeichen einer Depression hab ich auch schon. Vielleicht sollte ich aber auch einfach weniger The Smith hören.
Mit dieser enormen Selbstreflexion beende ich für diesen Monat meine Kolumne und freue mich auf eine Neuentdeckung Freiburgs. 
 
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Veröffentlicht am: Oktober 15, 2014



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