Europa und der Stier in meiner Kolumne Juni für den Frei(e) Bürger

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg (hier).
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Aloha liebe Leser,
so oft wurde in den letzten Monaten über Europa geschimpft. Über verschuldete Staaten, über Rettungsschirme, über Fremdbestimmung, über Bürokratieterror mit sinnlosen Gesetzen und Auflagen und, und, und … Es scheint einfach zu sein, gegen Europa zu hetzen, als sich mit diesem Europa auseinanderzusetzen. Die Wahl des europäischen Parlamentes ist nun hinter uns und anlässlich der Polemik gegen Europa ist es mir ein Bedürfnis ein klares Pro-Europa von meiner Seite zu postulieren. So wie ich das sehe, war Europa anders gedacht, nicht als Kakophonie der Nationalismen und Eigeninteressen, sondern als Staatenbund von Gleichgesinnten und Gleichgestellten die den Nationalismus überwinden und für alle Zeiten Frieden und Freiheit auf diesem Kontinent zu garantieren. Auch war Europa, wie ich es verstehe, nicht als „Vereinigte Staaten von Europa“, nach dem Vorbild der USA, gedacht. Also kein neuer vereinter Nationalstaat sollte entstehen, sondern etwas Neues, noch nie da Gewesenes. Etwas, das jenseits des Nationalstaates liegt. Diese Idee zu beschreiben ist wesentlich schwerer als sich über Vorschriften der Gurkenkrümmung aufzuregen, die im Übrigen deutsche Lebensmittel-Discounter auf den Weg gebracht haben. Diese Idee „Europa“ ist noch immer eine, die mich brennen lässt. Für die ich mich jederzeit starkmache und für die ich mich nackig ausziehen würde, um auf einem Stier zu posieren.
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Europa und der Stier
Zu Europa kam ich wie die Jungfrau zum Kinde als Dorfbub aus der damals wie heute trostlosen Hohenlohe. Diesem Niemandsland, eingekeilt zwischen Schwaben, Franken und Baden. Während es für euch, im schönen Baden, die Bezeichnung Schwarzwälderkirschhölle gibt, wenn etwas zu piefig wird, gibt es in diesem Württemberg Sibirien gar keine Bezeichnung dafür, da es der Normalzustand ist.
Als ich im Jahr 1990 mit zarten 15 Jahren gerade mit der Hauptschule fertig war und kurz vor der Metzgerlehre stand, drückte mein Vater mir und meinem Zwillingsbruder ein Interrailticket in die Hand. Vier Wochen mit dem Zug quer durch Europa (außer in Deutschland), war das Gegenteil von piefig. Dies galt es mit Fantasie-Englisch und ohne Ahnung von der Welt zu meistern. Ehrlich gesagt wussten wir nichts von Europa, wir hatten ein paar Eckpunkte, aber nicht mehr. Allem voran wollten wir unsere Cousine in London besuchen, den Eifelturm in Paris, den schiefen Turm in Pisa sehen, den Bau der olympischen Spielstätten in Barcelona beobachten, und natürlich das Dorf von Asterix finden. Mit einem Rucksack, Schlafsack und einem sehr dicken Fahrplanbuch ging es los. Paris war das erste Ziel. Dort angekommen machten wir uns zu Fuß auf die Suche nach diesem Eifelturm. Das konnte ja nicht schwer sein, denn die bis dato größte Stadt, die wir gesehen hatten, war Heilbronn gewesen und da hätte man jederzeit einen solchen Turm sehen müssen. Paris war aber etwas größer. So was wie U-Bahn kannten wir ja nicht und so machten wir uns zu Fuß auf den Weg. Leider sprachen wir kein einziges Wort französisch und wie schon erwähnt, konnten wir nur schlechtes Hauptschulenglisch. So gestaltete sich die Kommunikation doch als recht schwierig. Da wir in der Nähe von US-Kasernen aufgewachsen sind, gingen wir davon aus, dass jeder, der eine andere Hautfarbe hatte, prinzipiell ein US-Amerikaner war. Da die Franzosen uns nicht verstanden, quatschten wir jeden an, der für uns wie ein GI aussah und nicht bei drei auf den Bäumen war. Leider sprachen alle nur französisch. So kamen wir nicht weiter und schlugen uns hauptsächlich nach Gefühl durch. Wir irrten durch Paris und uns war ganz und gar nicht bewusst, dass uns hätte was passieren können. Als wir recht verzweifelt in einem Blumenladen nach dem Weg fragten, bekam die Dame hinter dem Tresen so große Augen, dass wir selbst erschraken. Wir sind wohl durch eines der problematischsten Viertel von Paris geirrt und haben jeden nach dem Weg zum Eifelturm gefragt. Voller Panik, wir würden wieder zurücklaufen, nahm sie das Telefon und rief jemanden an. Zehn Minuten später hielt ein verbeulter Renault 4 vor der Tür und sie drängte uns mit ihm mitzufahren. Ich bin in meinem Leben noch nie so schnell gefahren worden und habe niemanden gesehen, der so konsequent die Hupe benutzte wie dieser, auf den Verkehr schimpfende, Franzose.
Nach dem Eifelturm brachte er uns wieder zum Bahnhof und von da aus fuhren wir in die Bretagne, wo wir das Dorf von Asterix vermuteten, aber leider nicht fanden. Selbst die Landkarte, die wir aus einem Asterix-Heft sorgfältig rausgetrennt hatten, half uns nicht weiter. Dort haben wir aber erfahren, dass man mit dem Interrailticket Luftkissenboot fahren kann. Und so kamen wir nach England, genauer Dover. Wieder gerieten wir ohne unser Wissen in gefährliche Situationen, bei denen uns besorgte Einheimische halfen und uns sicher zum Bahnhof geleiteten. Stichwort halbstarke Moped-Gang. Nachdem wir von dort in London angekommen waren und gesehen hatten, was wir sehen wollten, stiegen wir in den nächsten Zug nach irgendwohin. Ziele gab es mangels Wissen nicht. An Bahnhöfen entschieden wir uns immer für den nächsten Zug. Im Laufe der Reise sogar für die längste Fahrdauer, da wir in den Gepäckablagen oder im Gang schlafen konnten. So ging es nach Schottland, wo ich mich zum ersten Mal in eine Landschaft verliebte, Drogenmissbrauch sah und die Reinkarnation von Rambo in Person eines Wiener Irren kennenlernte. Ab hier wird meine Erinnerung etwas schwammig. Von England aus wurde die Reiseroute vom Zufall bestimmt aber die Erlebnisse mit den Europäern waren ähnlich wie das oben Beschriebene aus Paris oder dem Folgenden aus Barcelona. Dort wollten wir in einem Park übernachten und fragten auch einen Polizisten ob dies gefährlich sei, der meinte nur sehr aufgebracht „There are no bombs!“,was uns wirklich so sehr beruhigte, dass wir anfingen, unsere Schlafsäcke auszupacken. Eine sehr strenge Spanierin, die uns beobachtete lies eine Übernachtung im Park nicht zu und packte uns ein, damit wir bei ihr und ihrer Familie nächtigen konnten. Der Park war wohl einer der Drogenhotspots in Barcelona. Sie bewirtete uns fürstlich und brachte uns am nächsten Morgen wieder zum Bahnhof. Ähnliches passierte in der Schweiz und in Italien. Diese Erfahrung, der Hilfe für Fremde beeindruckte mich zutiefst. Vielleicht lag es an unserem harmlosen Erscheinungsbild, an unserem wirklich naiven Verhalten gegenüber Gefahren, dass wir Mutterinstinkte bei so vielen Menschen auslösten. Oder aber es war genau das, was Europäer auszeichnet, nämlich gestrandeten Menschen zu helfen.
Im Zickzack ging es weiter durch Europa. Sehr kurze Aufenthalte hier und dort, ansonsten ein Ständiges gleiten in einem scheinbar grenzenlosen Europa. Immer wenn es uns zu warm wurde, sind wir gen Norden und wenn es zu kalt wurde gen Süden. Die Züge waren überfüllt mit jungen Menschen aus Europa und den USA. Gegessen wurde Weissbrot mit Ketchup. Es stank fürchterlich nach Schweiß. Wir stanken fürchterlich. Oft konnte man sich in den Zügen nicht waschen, da das Wasser in den Toiletten nicht ging. Wir waren in Cannes, Amsterdam, Barcelona, Brüssel, Pisa, Rom, Amsterdam, Marseilles, Bern, Venedig, Wien und schließlich in Athen. Ich glaube auch in der Reihenfolge, wobei ich dies nicht mehr genau zusammenbekomme. Leider hat uns niemand etwas vom beginnenden Krieg in Jugoslawien erzählt, sonst hätten wir nicht die Landroute von Griechenland Richtung Budapest genommen. Dumm und Dümmer. Aber das ist eine andere Geschichte, die glücklich in Prag endete. Aus diesen Interrail-Erfahrungen wurde ich zu einem Europäer. Von 1990 bis 1995 machte ich jedes Jahr eine Tour durch Europa. Seit dem ist Europa für mich wie das Pfirsichbankett der Jadekaiserin. Die eindrucksvolle Freiheit und das große Abenteuer. So viele freundliche und hilfsbereite Menschen habe ich auf diesen Reisen kennengelernt. Auch hatte ich den Eindruck, dass Europas Jugend auf den Beinen war und per Zug den Kontinent erlebte. Das Europa, das so lange Misstrauen gegen die anderen Nationen hegte, schickte seine Kinder mit dem Zug zueinander. Obwohl dies schon so lange her ist, bleibt dies meine Idee. Europa sollte keine Festung sein, und solange sich die Nationalstaaten weigern ihre liebgewordenen Rituale und Interessen vor die Idee „Europa“ zu stellen, wird sich diese nicht verwirklichen lassen.
Und da sind wir wieder bei uns, den Bürgern, den Wählern. Wählen wir nicht immer das Falsche, wenn wir die Wahl haben, mischen wir mit und uns ein. Das ist nicht irgendein Europa, das ist unser Europa und wir können es gestalten.
In diesem Sinne rufe ich mal bei Homer an und frag mal an, ob er in seiner Ilias nicht die Lady Europa zu einem Mann in Frauenkleidern mit Bart machen kann.

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Veröffentlicht am: Juni 14, 2014



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