Kolumne Februar: Dicke Eier

Ein fröhliches Aloha liebe Leser.

mein lieber Herr Gesangsverein, war das mal ein Cliffhanger, den ich Ihnen liebe Leser da vorgesetzt habe. Ein Monat Spannung, wie denn nun das Ergebnis aussieht, ist nun um. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass ich nicht gut aus der Sache rausgekommen bin. Mein Verhältnis zu Ärzten hat sich seit dem letzten Monat gewandelt und ich unterscheide nun nach Gattungen. Die Einen, die auf meine Fragen Antworten geben, welche noch mehr Fragen aufwerfen und die Anderen, die supergut besorgt kucken können. Die Diagnose ist kurzgefasst, Krebs in den Lymphen. Diese Diagnose aus unserem Gesundheitssystem herauszubekommen, war jedoch nicht ganz so einfach. Als ich noch im Krankenhaus war, versprachen die Ärzte mir täglich, dass sie morgen die Ergebnisse hätten und wir dann besprechen könnten, wie man das dann auch behandeln kann. Leider wurde ich von Tag zu Tag enttäuscht. Als ich „übers Wochenende“ entlassen wurde, war aus dem von den Ärzten geäußerten „Verdacht“ bzw. dem „starken Verdacht“ irgendwie hintenrum Gewissheit geworden. Die Woche über dachte ich, dass es auch was anderes sein könne. Tuberkulose stand beispielsweise auch auf der „Wäre-auch-möglich-Liste“, zusammen mit HIV. Mit den Entlassungspapieren bekam ich jedoch eine Registrierung für die Krebsmeldestelle. Was es nicht alles gibt. Und schon wird aus einem unguten Gefühl, Gewissheit.

 Kolumne Februar: Dicke Eier
Leider immer noch unklar war, wie das Ding sich nun genau nennt und was man dagegen zu tun gedenkt. Versprochen wurde mir, dass ich vor Weihnachten genau diese Klarheit bekommen würde, damit ich …-ähm-… ja warum eigentlich?
Wenn mir nichts versprochen worden wäre, hätte ich auch nicht gewartet und hätte ich vielleicht ein angenehmeres Weihnachtsfest und Sylvester gehabt, als dies so der Fall war …. obwohl … das ist Quatsch! Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich wäre alles genau gleich abgelaufen. Dieses quälende Warten und die Unsicherheit, ob es denn evtl. doch was anderes sein könnte machen einem nicht unbedingt bessere Laune. Zur bloßen Ablenkung habe ich anonym ein bisschen in veganen Internet-Foren mit Honig-Schinken herumgefuchtelt. Das ist zwar lustig, aber bringt auf Dauer keine Befriedigung. „Haters gona hate“. Zutiefst bewundere ich meine Frau, wie sie dieses Hoffen, Bangen, Wütend sein und vor allem die schlechten Sprüche von mir ausgehalten hat.
Ein bisschen sauer bin ich auf meine Ärzte dann aber doch gewesen. Eine Diagnose hätte soviel Vorteile für das Weihnachtsfest ergeben. Wenn ich die gehabt hätte, hätte ich das größte Ass im Ärmel, den besten Trumpf in der Hand, ach was schreib ich, die ultimative Waffe für das Familienfest gehabt. In meinen Tagträumen malte ich mir schon aus, wie ich mit einem Bambi-Blick einen drohenden Familienkonflikt mit den Worten „das musst Du jetzt sagen, wer weiß, wie lange es noch mit mir geht“ befriede oder mich vor Sachen mit den Worten: „ich fühl mich zu schwach“, drücke. Ach, bei allem und jedem hätte ich die Krebskarte ausspielen können. Aber, was hab ich stattdessen gemacht? Nüscht! Rein gar nüscht. Weil ich ja immer noch was anderes hätte haben können und wenn man diese Karten spielt, ist das genau das Gegenteil von Poker, wo einem jeder Bluff verziehen wird. Diese Übertretung der Grenze wird das restliche Leben geächtet. Stattdessen war Harmonie angesagt. Zu Weihnachten! Wie krank ist dass denn? Vielleicht war es aber auch ganz gut, denn irgendwie reagieren die meisten recht humorlos auf Krebs, allen voran meine Mutter.

Seit Mitte Januar ist nun klar, was ich genau habe und ich bin auch schon mittendrin in der Antikörperbehandlung/Chemotherapie. Bevor die allerdings loslegen konnten, musste eine Sache geklärt werden. Kinderwunsch ja oder nein?

Jetzt wo ich Zeit habe, bin ich erstaunt, wie viele Mutterkühe man in der Stadt verteilt sieht. Entweder trächtig oder mit Streitwagen ausgerüstet, der mehr kostet als ein Monatslohn. Ich hatte ja immer die Theorie, dass wenn man die magische Vierzig erreicht hat, man mit dem Thema nicht mehr konfrontiert werden würde. Fehlanzeige. Mein Freundeskreis wird ähnlich, wie Phantásien in der Unendlichen Geschichte massiv bedroht. Nur, dass es dort das Nichts war, dass die Welt verschluckte und hier die Kinder. Am Telefon behaupten sie zwar, dass sie vor Glück platzen würden. Wenn man sie dann jedoch besucht, sehen sie aus wie erschlaffte Pflanzen, die man vergessen hat zu gießen. Schon vor Jahren hab ich mir fest vorgenommen, dass wenn ich ein Kind zeugen würde, dieses dann von der Amme zur Grippe zur Ganztageskita bis zum Internat alles machen darf, was die moderne Stadtgesellschaft an Betreuung aufzubieten hat. Nur zum Schutz vor meinen Vaterqualitäten versteht sich. Aber ich schweife ab. Durch die Chemo kann Sperma schaden nehmen und ich könnte unfruchtbar werden. Die Ärzte kamen da übrigens nicht von sich aus auf mich zu, wir gaben den entscheidenden Hinweis. Künstliche Nebenwirkungs-Krebs-Verhütung sozusagen. Da man es in der modernen Konsumgesellschaft gewohnt ist, immer irgendwie alles zu bekommen, wirkt ein plötzlicher Mangel sehr begehrenswert. Man will sich ja als hedonistischer Flugsand, der man nunmal ist, immer alle Möglichkeiten offen halten. So musste ich den Gang zur Kinderwunschklinik antreten.
Es gibt Sachen die will man nicht erleben, aber wenn man sie schon erlebt, hat man auch die Pflicht, anderen davon zu berichten. Nennen wir es „Embedded-Sperm-Journalism“. Denken Sie jetzt bitte nichts Schmuddeliges, aber da muss nun einmal Sperma in einen Becher buxiert werden, das dann eingefroren wird. Selbst im prüden ZDF beschäftigte man sich zur Primetime, in der Sendung „Make Love“, mit Mastrubation. Auch wenn man aufgrund der christlichen Erziehung immer ein bisschen Angst vor Blitzen und Blindheit hatte, hat sich jeder wohl im Lauf der Jahre eine gewisse Qualifikation angeeignet. Dabei gilt es gewisse Regeln einzuhalten: Es geschieht heimlich und man redet nicht darüber. Darum ist es etwas vollkommen anderes, aus dem Schatten der Heimlichkeit zu treten und offiziell Samen abzugeben. Dementsprechend nervös war ich natürlich bei meinem ersten Termin. In meiner Fantasie hab ich mir den Raum, an dem die Unzucht passieren würde, sehr genau vorgestellt: Ein Abstellraum, in dem man zur Stimmungsauflockerung die Neonröhre mit roter Folie umklebt hat. Auf dem abgewetzen Sperrholz-Tisch würden widerliche Magazine aus den 80ern rumliegen, die vom Gebrauch der Jahre schon ganz speckig geworden waren. Ständig würde jemand an der Tür klopfen und nach dem Stand der Dinge fragen. Brrrr!
So war es dann doch nicht, aber unwürdig war es trotzdem. Auch wenn ich mir fest vorgenommen habe Ihnen ehrlich Bericht über alles zu erstatten, war ich nach der Abgabe zutiefst traumatisiert und werde dieses Erlebnis mit in mein Grab nehmen. Sorry

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Für alle die nicht den FREIeBÜRGER kaufen können hier die Kolumne. Der FREIeBÜRGER ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung FREIeBÜRGER in Freiburg (hier).

Veröffentlicht am: Februar 6, 2016



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