Kolumne März: Die ersten Chemoerlebnisse

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

zuerst möchte ich mich bei allen Freunden und Freundinnen entschuldigen, die Kinder bekommen haben. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich euch in der vergangenen Kolumne verletzt habe, nur um eine hübsche Überleitung zu meinem eigentlichem Thema, der Sperma-Abgabe zu schaffen. Ich hab mein Geschriebenes, wie so oft, nicht zu Ende gedacht und war lediglich auf einen billigen Kalauer aus. Zum Glück hat meine Frau die schlimmsten Passagen vor der Abgabe zensiert, sonst hätte ich nun wahrscheinlich ein paar Freunde weniger. In jedem Fall merke ich mir: „Brutpflege und Humor schließen sich irgendwie aus.“

Vielleicht lag es auch daran, dass ich letzten Monat direkt unter dem Einfluß von meiner ersten Chemo war, als ich meine Kolumne schrieb. Im Moment, als ich diese Zeilen schreibe, komme ich übrigens auch gerade von der Chemo zurück, also Vorsicht beim Lesen dieses Textes. Legen Sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage.
Der Abgabetermin für diese Kolumne und die Chemotherapie haben die Herrschaften in der Klinik freundlicherweise zusammengelegt, damit ich keinen von beiden vergesse. So eine Therapie ist im Übrigen kein Ponyhof, aber bei mir zumindest auch nicht Jurassic Park.

Zum einen liegt dies schon an der Stimmung, die in der Onkologie herrscht. Aufmerksame Leser werden bemerkt haben, dass ich für billige Witze und einfältiges Lachen durchaus zu haben bin. Auch suche ich in den meisten Situationen nach dem kleinsten Bisschen Humor, welches eigentlich immer zu finden ist. Nur im Chemokabinett bin ich noch nicht fündig geworden, obwohl ich dort schon relativ viel Zeit verbracht habe. Ich bin immer schon recht früh in der Station, da ich morgens für alle Schandtaten zu haben bin und im Winter auch den Morgenspaziergang in der kalten, trockenen Luft zu schätzen weiß. kolumne maerz die ersten chemoerlebnisse Kolumne März: Die ersten Chemoerlebnisse
Als ich zum ersten Mal in der onkologische Ambulanz war, durfte ich zum Glück in einem Zimmer im Bett meine Chemosuppe auslöffeln. Neben mir war ein weiteres Bett und vor mir standen drei leere Sitzgelegenheiten. Da ich früh dran war, dacht ich, diese wären für Besucher oder den Seelsorger. Wie sich herausstellte, war diese Vermutung falsch. Nach und nach füllte sich die Onkologie und damit auch ein Sessel, direkt vor meiner Nase, mit einem anderen Krebsi. Meist bin ich ja sehr neugierig und habe den Drang, mein Gegenüber in ein Gespräch zu verwickeln und dabei herauszufinden, wie andere das so mit dem Leben meistern. Dies hat den Grund, dass ich immer die Vermutung habe irgendwas nicht ganz richtig zu machen und nur noch nicht den entscheidenden Impuls bekommen zu habe, wie es korrekt geht. Den Drang unterdrückte ich augenblicklich. Sie müssen sich diese Situation ziemlich trostlos vorstellen. Ein bisschen so, als ob sich in einer kleinen Westernstadt zwei Cowboys stundenlang in einem Duell, gegenüberstehen und nur hin und wieder diese Büsche durchs Bild rollen. Man starrt sich in die Augen, aber keiner beginnt das Gespräch. Dies kann, wenn man wie ich beim ersten Mal von 8:00 bis 17:30 Uhr damit konfrontiert ist, recht verstören sein. Beim zweiten Besuch wollte ich schlauer sein und hab mich für einen Sitzplatz in dem großen Raum entschieden, in dem auch die Kaffeemaschine und der Sprudelwasserspender steht. Dort waren Hightech Sessel in einem großen Kreis platziert, was ich allerdings erst später bemerkte. Ich bin ja leider sehr technophil, drum wollte ich alle Funktionen dieser Sessel auskundschaften und hatte keinen Blick für das, was um mich herum passierte. Als ich fertig war den Sessel in alle möglichen Biegungen zu verstellen, stellte ich fest, dass dieser gefüllte Chemo-Stuhlkreis noch schlimmer für mein Gemüt war, als die Zimmerlösung. Statt eines Duells war ich mitten in einem „Mexican Standoff“ gelandet. Dafür bin ich nicht gemacht. Ich fühlte mich sofort ausgeschlossen, wie schlecht gemachtes Falschgeld, wie ein Fremdkörper in einer funktionierenden Biosphäre. Auf eine seltsame Weise fühlte ich mich nicht als vollwertiger Teil der Stuhlkreis-Gruppe. Das mag am Alter liegen, da ich mit Abstand der Jüngste bin. Nach heute bin ich davon überzeugt, dass es daran liegt, dass die anderen alle einen Portkatheter haben und ich nur über die Armvenen beChemot werde. Ein Port wird offensichtlich operativ eingesetzt und kuckt unterm Brustbein raus und ist in Krebskreisen das Zeichen für Zugehörigkeit. Wie beim Motorradclub die Kutte. Kennen Sie das Gefühl, auf dem Schulhof anzukommen und irgendwie haben alle diesen neuen heißen Scheiß an, nur Sie haben davon nichts mitbekommen und sind sofort außen vor? Genau so fühlt sich das an. Überhaupt finde ich es nicht sonderlich fair von meinem Körper, mich in solche Situationen zu bringen. Klar schimpfe ich schon seit Jahren gegen ihn und finde ihn zu dick und zu ungelenk, aber dass er es mir so heimzahlt, hätte ich nicht gedacht. Wir hatten ja trotz der Differenzen auch schöne Zeiten. Und, wer weiss, vielleicht hätten wir uns ja auch mal bei einem Besuch in einer dieser HippieSchwitzhütten aussprechen können. Aber dazu ist es ja nicht gekommen. Stattdessen bekomme ich diesen Mist, der noch nicht mal wieder weggeht und fett werde ich nun auch noch. Von wegen Chemo = Gewichtsverlust. Dadurch, dass ich mich beständig unwohl fühle, bewege ich mich kaum und nehme zu.
Mein Dilemma ist aber eher, dass ich nach wie vor nicht so selbstbewusst bin, wenn ich mit meinen Ärzten spreche. Irgendwas in mir will, dass ich ein Musterpatient bin. In vorauseilendem Gehorsam habe ich, nachdem meine Ärztin meinte, dass das Rauchen nicht ganz so gut wäre, für das Infektionsrisiko sofort damit aufgehört. Nur so nebenbei bemerkt, interessant ist, dass ich erst diese Woche unbedingt rauchen will. Das ist nun schon einen Monat, drei Wochen, vier Tage und ca. 10 Stunden, also fast 81 240 Minuten her. Das müssten so 23 Päckchen Tabak sein, die ich nicht geraucht habe. Und trotzdem hab ich unglaubliche Lust auf eine Zigarette. In mir ist es ja immer ein bisschen so, als ob ein Engelchen und ein Teufelchen miteinander konkurrieren. Der eine will immer alles richtig machen und der andere kotzt über die eigene Spießigkeit und Hörigkeit. Ich hab schonmal fast ein Jahr mit Rauchen aufgehört, das war pünktlich zu meinem dreißigsten Geburtstag. Ich fing an mein Studium beenden zu wollen, jeden zweiten Tag auf den Rosskopf zu radeln, fast kein Alkohol mehr zu trinken und mich mit Salat vollzustopfen. Mit dem zweifelhaften Ergebnis, dass ich aufgequollen bin wie ein Hefezopf. Irgendwann siegte die Vernunft und ich fing wieder an alles zu machen, was Spaß macht. Und ich nahm auch nicht mehr zu, aber auch nicht mehr ab. Da ich vor Ärzten immer etwas seriös erscheinen will, traue ich mich auch nicht die wirklich wichtigen Fragen zu stellen. Mir drängt sich seit der Diagnose die Frage auf, ob ich denn nun, da ich schon Krebs habe, sorglos alles konsumieren darf, was unter den Verdacht der Krebserregung fällt? Also Wurst, Grillgut, Fette, Zigaretten, Alkohol und Pilze aus Tschernobyl. Darf ich vielleicht nun auch mal Benzin schnüffeln und bei der Asbestentsorgung helfen, ohne dass mir was passiert? Bekommt man, wenn man schon einen hat, noch einen zweiten Krebs? Und, wenn ja, wie hoch ist, denn dann die Wahrscheinlichkeit?
Soooo hoch kann die ja wohl nicht sein, oder?

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Comments

Veröffentlicht am: März 7, 2016



2 Antworten zu “Kolumne März: Die ersten Chemoerlebnisse”

  1. Dietmar Walter sagt:

    Echt jetzt, du auch? Meine Chemo gegen den Lymphdrüsenkrebs hat November 2012 begonnen und ging bis zum Frühjahr 2013. Ich war dann im Juli/August 2013 in Reha und war am 17.8. wieder arbeitsfähig.

    Wenn du mal einen Erfahrungsaustausch brauchst, du hast ja meine Mailadresse.

    Ich wünsch dir die nötige Kraft, um das Arschloch Krebs zu überwinden!!!

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