April Kolumne im Frei(e) Bürger

Für alle die nicht den Frei(e) Bürger kaufen können hier die Kolumne. Der Frei(e) Bürger ist eine von ehemaligen Obdachlosen sebstgemachte Straßenzeitung. Die Redaktion besteht aus drei Leuten und zwei Zwei-Euro-Jobs. Die Verkäufer kaufen die Zeitungen direkt in der Redaktion, die aus einer handvoll  für 0,80 Euro pro Heft ein und verkaufen dieses dann für 1,50 Euro. Diese 80 Cent pro verkaufte Zeitung sind die finanzielle Grundlage für das gesamte Projekt. Kostendeckend ist die Zeitung bei rund 3500 verkauften Exemplaren.
Die aktuelle Kolumne findet man, in der Straßenzeitung Frei(e) Bürger in Freiburg. 


april kolumne im freie buerger 226x300 April Kolumne im Frei(e) Bürgerapril kolumne im freie buerger 2 226x300 April Kolumne im Frei(e) Bürger

—–

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,
der sympathische, nette Herr im Hintergrund mit dem mächtigen Burt Reynolds  Gedächtnis-Bart hatte es wahrscheinlich noch wesentlich einfacher bei der Nahrungsaufnahme. Er sieht zumindest echt zufrieden aus mit seiner reichlich gedeckten Tafel voller Leckereien. Sichtbar ohne schlechtes Gewissen ob des Essens und seiner Herkunft. Genuss pur also.
Ich frage mich, ab wann denn alles so kompliziert geworden ist oder ob es schon immer so war, nur man selbst einfach noch nicht so weit. Für mich gilt schon der Satz: „Früher war alles einfacher.“ Zum Beispiel die Welt retten. Es gab noch ein klares Schwarz vs. Weiss, Geha vs. Pelikan, Stones vs. Beatles, die Guten und die Bösen aber heute … Ach.
… Ach… Welt retten! Jawohl, ich bin dabei. Aber wie? Und genau da geht es schon los. Wie geht das denn genau? Wo kann ich ansetzen und wo muss ich ansetzen. Müll trennen allein wird wohl nicht reichen, oder? Selbst dabei wird man unsicher, seit Müll ein so dermaßen lukratives Geschäft geworden ist.
Lösungen, die bei dem Konsum ansetzen, sind ja irgendwie schon folgerichtig. Spätestens seit Brent Spar ist man sich als Verbraucher seiner Macht durchaus bewusst und versucht richtig zu handeln und sich ordentlich zu informieren. Lösungen wie „Think global, act local hören sich ja echt gut an, aber bei der Umsetzung wird es schwieriger. Und überhaupt hat „Regionalität stärken“ irgendwie immer was von nationalstaatlichem Dünkel oder warum ist das auch das Motto der CSU? Nationalstaaten gilt es doch zu überwinden auf dem Weg zur Weltgemeinschaft oder nicht? Ach ich schweife wieder ab. Ursprünglich komme ich aus einer sehr ländlichen Region, die sich Hohenlohe nennt. Meine Eltern hatten und haben eine kleine Metzgerei mit einer Gastwirtschaft. Da war das alles einfach: Bauer –> Metzger –> Mahlzeit. Als ich nach Freiburg kam wurde dieser Dreiklang unterbrochen und die Komplexität stieg zum ersten Mal mächtig an. Ich möchte dies exemplarisch mal am Beispiel des Bierkonsums veranschaulichen.
april kolumne im freie buerger 3 250x300 April Kolumne im Frei(e) Bürger

Galt auf dem Dorf noch ein Bier (das einem das ständige Fernweh dadurch nahm, dass es von weit her aus einer beinnahe Hafenstadt kam) als unglaublich cool, änderte sich dies abrupt als ich in Freiburg aufschlug. Zwar war die Beziehung des neuen Umfeldes zu den in Freiburg gebrauten Bieren ganz ähnlich wie das zu dem heimischen Bier auf dem Dorf, nämlich es ebenso als so-was-von-uncool galt und damit untrinkbar war. Neu aber war, dass das gewohnte Bier zum Kommerz-Bier deklariert wurde und fortan ebenfalls verpönt war. Also trank man in den Kreisen, in denen ich verkehrte, Fürstenberg. Was ja auch nicht so richtig regional ist. Fürstenberg ist nämlich ein Teil einer Brauereiholding zu dem Paulaner, Kulmbacher und Karlsberg gehört. Außerdem der mächtige Heineken-Konzern, also dem drittgrößten Brauereikonzern der Welt. Mithilfe des Internets kann man ja heutzutage recht schnell solche Dinge recherchieren. Das Rothaus-Zäpflegehört der Landesregierung und somit den Schwaben, was für mich kein Problem ist, aber für die badische Seele wahrscheinlich schon. Auch die Firma Ganter lässt, zumindest ihr Flaschenbier, vom Hatz-Moninger Brauhaus in Karlsruhe abfüllen. Dieses wiederum ist Teil einer Holding, die aus der Stuttgarter Hofbräu AG hervorging. Aber auch hier wieder Schwaben. Noch unklar ist mir dabei jedoch, wie diese Holding mit der Radeberger-Gruppe (Claustaler, Jever, Bionade etc.), die Dr. Oetker gehört, verbandelt ist. 

Soll man denn wirklich nur noch Schwarzwälder Kirschwasser mit Feierling-Bier trinken? Kein Korn mehr zum Bier? Und wie soll man denn dann das Herrengedeck nennen? Und wie sieht es eigentlich mit Wein aus? Bötzinger Spätburgunder statt Bordeaux?
Nun ist die Stelle, an dem die Frage nach Regionalität und deren Grenzen aufgeworfen werden muss. Wo enden eigentlich Regionalität und Regionale Produkte? Am Kaiserstuhl? Im Schwarzwald? Beim Bodenseeobst? Oder gar bei der Augustiner Brauerei in München? Beim Schwäbisch-Hällischen Landschwein? Ist ein Lebensmittel, wenn es aus einer Region kommt immer regional oder schon nicht mehr. Wie bei den geografisch geschützten Angaben wie dem Schwarzwälder Schinken, der nur zum Räuchern in den Schwarzwald gekarrt wird, aber die Sauen oft Dänen sind? Und was ist mit den Produkten aus den Vogesen und der Nordschweiz? Und seit wann sagt man eigentlich zu Lebensmitteln Produkte?
Ich war beruflich auf so vielen Slow-Food-Messen, mehrmals auf der Bio-Fach, habe selbst eine Öko-Messe (mit)organisiert, habe mich informiert und und und. Nach wie vor halte ich mich aber für erschreckend uninformiert und bin ohne griffige Lösung. Weder für mich und schon gar nicht für andere.
Vielleicht ist es aber auch einfach sinnvoller nicht beim beinahe Monopolisten und Großkonzernen zu kaufen. Schon gar nicht sollte man Lebensmittel von Nestlé, Oetker, Unilever oder komischen Holdings kaufen, sondern man sollte versuchen kleine Klitschen zu unterstützen, auch wenn die in Mecklenburg-Vorpommern sitzen. Selbst wenn dies bei Bionade irgendwie nach hinten los ging.
Sowieso habe ich gerade ganz andere Probleme. Vielleicht ist folgendes ja mein Beitrag zur Weltrettung, nämlich auf Tabuthemen aufmerksam machen… Ich strecke die Hand aus und gebe denen, die sich nicht  trauen darüber zu sprechen, eine Stimme. Keine lautstarke Stimme, wie die von Pelé und Rudi Assauer, die unzähligen Menschen, die an Impotenz, Inkontinenz und Pfurzeritis heimlich und voll Scham Leiden, Gehör verschaffen kann. Nein, eine kleine aber bestimmte. Ich oute mich hier (wieder einmal!) und gestehe vor der geneigten Öffentlichkeit, dass ich auch eine Tabu-Erkrankung habe. Mein Zahnarzt hat mir erklärt, dass ich wohl Parodontose habe und dies unheilbar. Zumindest wird sich meine Nahrungsaufnahme langfristig dadurch elementar ändern. Und Bananen sind nunmal schwer aus der Region zu bekommen… Wobei, wenn der Klimawandel so weiter geht, vielleicht doch.

No ratings yet.

Please rate this

Liked it? Take a second to support 1234rock on Patreon!
become a patron button April Kolumne im Frei(e) Bürger

Comments

Veröffentlicht am: April 13, 2012



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Blogverzeichnis - Bloggerei.de TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste
%d Bloggern gefällt das: