Kolumne Januar: Ärzte und ich

Ein fröhliches Aloha liebe Leser,

mein Verhältnis zu Ärzten war bis vor Kurzem eigentlich kaum erwähnenswert. Außer, dass ich regelmäßig wg. Beschwerden zum Zahnarzt gehe, habe ich zu diesem Berufstand seit 15 Jahren keinen Kontakt. In der Vergangenheit habe ich mit dieser Berufsgruppe eher negative Erfahrungen verbunden. In erster Linie lag es daran, dass Ärzte unsere Beziehungen mit seltsamen Methoden zerrüttet hatten.
Im zarten Alter von 8 Jahren war ich mehrere Wochen im Krankenhaus, weil ich eine Hirnhautentzündung hatte. Unabhängig der Krankheit, habe ich es als zutiefst ungerecht empfunden, dass ich nach der Rückenmarkspunktion, die man regelmäßig machen musste, nur ein einziges Gummibärchen bekam, weil ich so tapfer war. Eines! Ich hätte einen Laster voll mit Gummibärchen verdient gehabt. Was für komische Maßstäbe sind das denn bitte? Höllenqualen im Tausch gegen ein Gummibärchen….was für ein mieser Deal. Welcher kranke Zuckerfeind behandelt so denn unschuldige Kinder!
Als ich mit dem Rauchen begann, weigerte sich mein damaliger Hausarzt meine Grippe zu behandeln. Ein weiterer weigerte sich mit den Worten: “Sitzen können Sie ja“, mich krankzuschreiben, obwohl ich starke Schmerzen und allerhand Blut im Urin hatte. Als ich vor lauter Messebau, Rücken bekam und mich vor Schmerzen kaum mehr bewegen konnte, hat ein Sadistenarzt mir zu verstehen gegeben, dass er mir keine Schmerzmittel geben könne, da er vermutete, ich sei ein Junkie. Stattdessen bekam ich eine Überweisung zum Orthopäden (Termin in zwei Wochen) und Bienengift zum Einreiben gegen den Schmerz. Ich kann Ihnen versichern, dass dieses Bienengift bei Rücken nicht hilft.
Der Höhepunkt und mein letzter ernsthafter Versuch war der HNO-Arzt, den ich aufsuchte und der mir auch meine Polypen rausmetzgerte. Ich erinnere mich noch genau daran, wie mich zwei Arzthelferinnen auf den Sessel drückten, er mich anfuhr: „Ich solle mich nicht so anstellen“, als er mir sein glühend heißen Lötkolben in die Nase steckte.
Ich sehnte mich seit Jahren nach einem Vertrauensverhältnis, wie es mein Vater zu seinem Arzt hatte. Dieser war Tierarzt und mein Vater selbständiger Metzger. Die Beiden hatten ein sehr vertrauensvolles miteinander, ja schon fast freundschaftlich. Jeden Montag kam der Tierarzt zur Trichienenbeschau beim Schlachtvieh und wenn er damit fertig war, untersuchte er meinen Vater. Der Veterinär linderte die Schmerzen meines Vaters mittels einer ordentlichen Dosis Pferde-Analgetikum und bis zum nächsten Montag war aller Schmerz wie weggeblasen (Montag ist Schlachttag). Er hatte eine große Auswahl an Salben und Pülverchen, welche auch immer wirkten. Durch ein paar geänderte Hygienegesetze und den dadurch entstehenden Umbaukosten, können meine Eltern heute nun nicht mehr selbst schlachten. Leider bedeutet dies auch, dass mein Vater seit ein paar Jahren nun leider zu Humanmedizinern gehen muss. Diese Umstellung verlief nicht ganz reibungslos, da der Menschenarzt sich oft nicht so verhielt, wie mein Vater dies erwartet hatte. Aber dies nur nebenbei. Für mich selbst meine ich nun auch eine vertrauensvolle Arzt – Patient Beziehung gefunden zu haben. Meine Ärztin ist echt cool. Aber ich habe sie bisher auch erst zweimal gesehen.

Leider habe ich letzte Woche einen Kardinalfehler begangen und seitdem mehr Ärzte gesehen, als in meinem kompletten bisherigen Leben. Man sollte echt keinen Ü40-Check machen. Selbstverständlich finden die da was. Das ist wie bei Autowerkstätten, die auch immer was Neues finden, wenn man einmal da war. Das Auto war vorher auch nicht so schlecht gelaufen, und ob es nach hunderten von Werkstattstunden besser läuft, kann einem ja auch keiner garantieren. Da ich aber eine sehr besorgte Frau habe und es mir seit einem halben Jahr nicht wirklich gut geht, habe ich mich irgendwann dazu breitschlagen lassen und einen Termin bei meiner Ärztin gemacht. Da Kinowerbung bei mir beinahe so gut wirkt wie Werbung mit Comicfiguren, war ich sowieso schon mehrmals zum Impfen bei ihr gewesen, denn: „Deutschland sucht den Impfpass“! Egal. In der Nacht vor dem Ü40-Check-Termin passierte dann etwas echt Seltsames. Ich wachte mit enorm großen Hoden auf. Und wenn ich enorm schreibe, meine ich dies auch so. Die hatten in etwa die Größe einer Orange und ich meine hier nicht die Bio-Blutorange, sondern die anderen. Na gut. Da es nicht wehtat und ich eh einen Arzttermin hatte, fand ich dies gar nicht so dramatisch. Etwas befremdlich fand ich den sich automatisch eingestellten Cowboy-Gang schon, jedoch nicht ganz uncool. Als ich in der Praxis meines Vertrauens angekommen war, traf ich leider nicht auf meine Ärztin, sondern auf eine junge Arzthelferin, die mich gleich auf ein Fahrrad setzte und mich mit dem EKG-Gerät verband. In der Regel habe ich ja ein sehr geringes Mitteilungs-Schamgefühl, dies ändert sich jedoch bei medizinischem Personal. Dieser Arzthelferin konnte ich leider nicht sagen, dass ich wahnsinnig dicke Hoden hatte und ich gerne das Fahrradfahren lassen würde, bis klar ist, was da untenrum los ist. Und so machte ich ganz brav das EKG mit, die war auch ganz zufrieden mit mir. Danach kam meine Ärztin auch schon und untersuchte meine Leberflecken, meinen Blutdruck und was weiß ich noch alles. Irgendwie war der Moment vergangen, dass ich Ihr sagen konnte, dass da untenrum was nicht stimmt. Als wir dann beim Ultraschall waren und sie eine riesige Milz entdeckte, fasste ich mir ein Herz und erklärte ihr mein anderes Problem. Von da an ging alles recht schnell. Vom Arzt zum Urologen, wegen der Hoden. Am nächsten Tag waren die wieder normal, aber ich hatte Bauchweh. Zum Glück hatte ich am gleichen Tag noch eine Blutbildbesprechung, die nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Statt einem Supergesundmitsternchen-Stempel bekam ich eine Überweisung zum Onkologen. Die Bauchschmerzen wurden so schlimm, dass ich Samstagnacht den Krankenwagen rufen mussten. Auch dies hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich lag im Rettungswagen vor unserer Wohnung gefühlt eine halbe Stunde, bevor wir Richtung Uniklinik losfuhren. Der Sanitäter verhandelte, wegen mir, mit mehren Krankenhäusern darüber, ob sie mich nun aufnehmen können. Die Krankenhäuser wiesen ihn eins nach dem anderen mit der Begründung ab, sie wären voll. Irgendwann reichte es ihm und er fuhr mich zur Uniklinik. Er warnte mich, dass es sein könne, dass wir beide einen Anschiss kassieren würden, aber er hat keine Lust mehr zu diskutieren und mich solle besser recht schnell ein Arzt ansehen.
kolumne januar aerzte und ich Kolumne Januar: Ärzte und ich
Dort angekommen haben die echt viele Sachen mit mir gemacht und mich dabehalten. Insgesamt war ich zweimal in der CT-Röhre, hatte eine Magenspiegelung, und weil es so schön war, auch eine Darmspiegelung, bekam gefühlte 10 Liter Blut entnommen, wurde geröntgt, geultraschallt und bekam Knochenmarkt entnommen. Höchst unangenehm das Ganze. Gelernt habe ich Folgendes: 1.) dass Kontrastmittel richtig arg brennt 2.) ich keine Bärchenpflaster bei Spritzen und Blutentnahmen mehr brauche und 3.) Knochenbohrungen nicht meine Lieblingsdisziplin werden.
Muss ich mir 4.) nun angewöhnen meine Exkremente genau anzusehen, da ich dringend eine Antwort auf die krankenhausübliche Floskel „Guten Morgen, wie war ihr Stuhl?“ brauche. Leider habe ich ein bisschen Schwierigkeiten mit der Farbbestimmung und werde mir statt Blumen einen Farbfächer schenken lassen. Auch stellte ich fest, dass 5.) mein schwarzer Batmanbademantel (mit großem Batsymbol auf dem Rücken und Goldbordüren) mich hier irgendwie zum Außenseiter macht. Die coolen Jungs & Mädels tragen hier Zahnweiß. Außerdem fand ich es ein bisschen unpassend, wenn ich morgens um 5:30 Uhr auf der Suche nach Kaffee mit den Worten „Ah, Batman auf Patrouille“ kommentiert werde. Außerdem 6.), dass ich locker vier Liter eklige Flüssigkeit in mich reinschütten kann, aber beim Abführen wie ein Kleinkind jammere. Und nicht zuletzt 7.) dass man das morgendliche Wiegen so zelebrieren muss wie Tyson Fury vor einem Kampf. Apropos. Ich habe in der Zeit, in der ich nun schon stationär bin, drei Kilo abgenommen. Hellyeah!

Sonst ist die Uni-Klinik echt gut. Ich genieße beste Aussicht und Vollpension. Leider warte ich auf Ergebnisse wie Becketts Estragon und Wladimir auf Godot. Um es frei nach Woody Allen zu sagen: Die schönsten Worte in jeder Sprache, seien nicht ‚Ich Liebe dich!’ sondern ‚Es ist gutartig!‘

#Freiburg #unikilinik #warten

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Veröffentlicht am: Januar 15, 2016



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